Etymologie

WITTENBURG als beschreibender Begriff

WITTENBURG ist die Zusammensetzung von zwei Wörtern, „Witten“ und „Burg“. „Witt“ steht für „weiß“ in plattdeutsch, einem Dialekt, der hauptsächlich im Norden Deutschlands gesprochen wird, wo der Name entstanden ist. „Wit“ und „wyt“ sind auch die Übersetzungen für „weiß“ ins niederländische bzw. friesische, „Hvid“, „Hvit“ und „Vit“ in Dänisch, Norwegisch und Schwedisch, die anderen Drei der nordgermanischen Sprachen, und „Hwit“ in Alt-Englisch. „Witten“ ist das plattdeutsche Adjektiv, um ein weißes Objekt zu beschreiben.

Während dies die wahrscheinlichste und am weitesten verbreitete Erklärung ist, wurde von mindestens einem Gelehrten des 19. Jahrhunderts auf dem Gebiet der Etymologie von geographischen Ortsnamen vermutet, dass der Ursprung von „Witten“ vielleicht auch im germanischen „widr“ oder im früh-skandinavischen  „Vitu“ für ‚Wald‘ gefunden werden könnte.

Das deutsche Wort „Burg“, oder „Borg“ in skandinavischen Sprachen, und „Burh“, „Burgh“ in Alt-English, (Abweichungen „Borough“,“Bury“) ist der Begriff für eine Hochburg  oder Fluchtburg, findet aber auch Verwendung als Endbezeichnung einer befestigten Siedlung. Diese leicht unterschiedlichen Begriffe sollen alle von dem Proto-Germanischen „burgz“ abstammen, das seinerseits seinen Ursprung aus dems Proto-Indo-Europäischen „*bʰerǵʰ-„, einem Begriff für „hoch, erhaben“, „Hügel, Berg“, ableitet. Eng verwandt sind „*beʰrgʰ-„, ein Verb, das im Sinne von „schützen, bergen, bewahren“ gebraucht wurde, sowie dessen Nachfolger, das Proto Germanische Verb „berganą“ mit der gleichen Bedeutung, und weiter der Proto-Germanische Substantiv „*Bergaz“, dessen Auslegung ebenfalls als „Hügel, Berg“, aber auch als „Zuflucht, Schutz“ verstanden wird. Die Assoziation der beiden Definitionen ist verständlich, wenn man bedenkt, dass in der Vergangenheit höhere Erhebungen oft nicht nur Zuflucht vor Feinden, sondern auch von Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und Winter Stürmen auf ungeschuetzter Ebene waren. Das Nachfolge Wort von  „*Bergaz“, das deutsche Wort „Berg“, behielt ursprünglich diese Doppelbedeutung, vor allem wenn es bei der Namensgebung einer befestigten Siedlung als Endbezeichnung verwendet wurde. Im Laufe der Jahrhunderte ging die Verbindung mit „Zuflucht“ und „Schutz“ aber allmählich verloren, und schließlich bleibt nur noch die ursprüngliche Beziehung zu einer Erhebung, eben einem „Berg“.

Moderne Ableitungen von „Berg“ mit der Bedeutung von „Schutz, Zuflucht“ existieren allerdings auch heute noch , wie zum Beispiel in der Bezeichnung „Herberge“.  Aus dem Wortanfang „Her-“ von „Herberge“ entwickelte sich dann – ebenfalls im Sinne von „Schutz“ – das Wort fuer  „Heer“ Daraus entsprang auch die englische Bezeichnung von „Hafen“ – „harbour“. Als Verb finden wir das Proto-Germanische „berganą“ in den modernen deutschen Verben „bergen“,“verbergen“ und „beherbergen“. Die Bedeutung von „*Bergaz’s“ nahem Verwandten „burgz“ und später „Burg“, als  Fluchtburg oder befestigtem Zufluchtsort, blieb jedoch im Wesentlichen unverändert.

Warum diese etymologische Exkursion in die Ursprünge nicht nur von „Burg“, sondern auch „Berg“? Es ist vor allem zu zeigen, wie austauschbar die Begriffe einst als Endungen bei der Benennung von Befestigungsanlagen oder befestigten Siedlungen verwendet wurden. Beispiele hierfür sind „Hamburg“ und „Königsberg“ (heute Kaliningrad), die beide auf flachem Gelände gebaut wurden und daher auch fuer das Letztere weder eine Beziehung mit einem Hügel noch einem Berg möglich.  Das Gleiche gilt für „Wittenburg“, „Wittenberg“ und „Wittenberge“, aber nicht für das Dorf „Wittenbergen“, das sich an der unter Elbe westlich von Hamburg befindet und heute ein Teil dieser Stadt ist. Sein Name bezieht sich auf den weißen Sand der dortigen grossen spaeteiszeitlichen Dünenberge. Mehr über die ersten Drei später, aber vormals zurück zu „Burg“:

Das deutsche Wort „Burg“ hat im Laufe der Zeit in seinem Verständnis ebenfalls Veränderungen erfahren: Während es ursprünglich, genau wie im angelsächsischen England, in erster Linie eine befestigte Siedlung bedeutete, kam es nach und nach dazu, nur die typische mittelalterliche Burg zu beschreiben. Deren Zweck diente vor allem als eine militärische Hochburg und Ort der Zuflucht in Zeiten der Not, aber auch als die Beschützerin von nahe gelegenen Handelsrouten und/oder einer Siedlung, oft am Fuße eines Hügels, auf dem die Burg trohnte. Interessanterweise liehen sich die Römer dieses germanische Wort in der späteren Periode des römischen Reiches und machten es zum lateinischen „Burgus“, um kleine turmartige Befestigungsanlagen, insbesondere in den germanischen Provinzen, zu beschreiben.

Die Übersetzung von WITTENBURG in modernes Hochdeutsch ist „Weisse Burg“, was zusammengefasst zu „Weissenburg“ wird. Die wörtliche Übersetzung von „weisse Burg“ als „white Castle“ ins Englische ist richtig, wenn die beiden Worte allein stehen, aber was, wenn „-burg“ am Ende einer Namensbezeichnung steht? Wäre „-burg“ unter diesen Umständen nicht eher ein Hinweis auf die ursprüngliche befestigte Siedlung selbst? Sollte eine Übersetzung ins Englische dann nicht vielmehr mit „whit (e)-“ beginnen und in „-borough“, sogar „-bury“ oder besser noch „-burgh“, wie zum Beispiel  „Edinburgh“, enden? Es sollte im Kontext von „-Burg“ als Siedlung  auch von Interesse sein, dass seine Bewohner seit jeher als „Bürger“ galten („Burger“ in einigen Dialekten), was auf Englisch „burghers“ sind. Die Bezeichnung „Bürger“ erhielt im Lauf der Zeit den viel grösseren Stellenwert, als nur jener des Stadtbewohners. Hier kommt auch der Begriff „Bourgeoisie“ her, dessen Wurzel das französische „Bourg“ ist.

Kehren wir nun zurück zu den drei oben erwähnten geographischen Ortsnamen „Wittenberg“, „Wittenberge“ und „Wittenburg“: Das einzige, das sie vereint, ist die Gemeinsamkeit der Etymologie des Namens. WITTENBERG ist die Stadt, die durch Martin Luther als Wiege der protestantischen Reformation bekannt ist und sich in Sachsen-Anhalt befindet, WITTENBERGE ist eine weitere,  aber kleinere Stadt, die ebenfalls an der Elbe liegt, aber in Brandenburg.  Sie hatte einst eine bedeutsame jüdische Minderheit und war eine wichtige Verbindung zwischen Hamburg und Berlin, sowohl für die Dampfschiffahrt als auch für den späteren Eisenbahnverkehr. WITTENBURG ist eine in Mecklenburg-Vorpommern gelegene kleine Stadt,  – die kleinste der drei hier erwähnten -, und ist der Sitz des „Amt“ oder Gemeindebezirks von Wittenburg. Durch seine Lage an der Autobahn Hamburg-Berlin profitierte es von bedeutenden neuen kommerziellen Unternehmungen, die nach der Wiedervereinigung Deutschlands dort angesiedelt wurden.

Hoffentlich wird der obige Absatz dazu beitragen, einen hartnaeckigen Fehler zu korrigieren, insbesondere in Nordamerika, dass „WITTENBURG“ und „WITTENBERG“ das Gleiche sind. Die Verwirrung und Falschinformationen sind  wahrscheinlich auf die Ähnlichkeit der Namen herauszuführen und die Tatsache, dass die beiden auf Englisch gleich ausgesprochen werden. Vielleicht ist dies, und die internationale Bedeutsamkeit des lutherischen „Wittenberg“, der Grund  dass auch die großen englisch-sprachigene Internet-Suchmaschinen bei einer Suche nach „Wittenburg“ vorab „Wittenberg“ auftischen, offenbar unter der Annahme, dass eine Suche nach ersterem ein Rechtschreibfehler sein muss.

Es ist offensichtlich wichtig zwischen den Drei zu unterscheiden, wenn man nach Herkunfts-Nachnamen forscht, die von ihnen abgeleitet wurden.  Während der Zeit der Annahme oder des Gebens von Familiennamen, im 12. und 13. Jahrhundert,  standen diejenigen die auf einen Ursprungsort verwiesen, normalerweise jenem des geographischen Ortes gleich, woher der Träger des Familiennamens stammte. Dennoch, ein Wort der Vorsicht auch hierzu: Es ist ebenso wichtig zu prüfen, ob ein Herkunftsname im Zusammenhang mit den genannten Orten im Laufe der Zeit Veränderungen erfahren hatte, weil dies die Zielrichtung von Nachforschungen möglicherweise ändern kann.  Ein weiterer warnender Hinweis ist der, dass nicht alle Nachnamen, auch Herkunftsnamen, zurück ins Mittelalter gehen, noch wurden sie unbedingt von solchen Orten abgeleitet. Das sind Themen, die auf der Seite über die „Familiennamen Entwicklung“ näher  untersucht werden sollen

Wie der erste Absatz zeigt, ist diese Website in erster Linie dem beschreibenden Begriff und  Familiennamen WITTENBURG gewidmet, aber um weitverbreitete Missverständnisse zu klären, war es notwendig, hier auch „Wittenberg“ und „Wittenberge“ zu berühren. Links zu Wikipedia-Artikeln über diese sind untenstehend und sollen weiterer Erklärung dienen.

Nun auf zur Seite „Geographische Orte“ namens WITTENBURG…

Links:
* b ʰ erǵ ʰ-Proto Indo-europäisches Substantiv
* b ʰ erg ʰ-Proto Indo-europäisches Verb
Bergana, Proto germanisches Verb
Bergaz, Proto germanisches Substantiv
burgz, Proto germanisches Substantiv
Burh – Old English
Burgh, Englisch – Schottisch
Burg, Wiktionary
Burg, Wikipedia
Borg – nordische Namen, antike germanische
Burgus, lateinisch geliehenes germanisches Wort
C. Blackie, geographische Etymologie, ein Wörterbuch der Ortsnamen, die ihre Ableitungen geben, 1887,
Wittenburg
Lutherstadt Wittenberg
Wittenberge
Wittenbergen (Hamburg)