Wittenburg (Mecklenburg-Vorpommern)

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Einleitung

Wittenburg ist eine Stadt mit etwa 6.400 Einwohnern im Landkreis Ludwigslust-Parchim in Mecklenburg-Vorpommern im Norden Deutschlands. Dank einer Vielzahl von Umständen, nicht zuletzt seiner Lage an einer wichtigen Handelsroute von der Elbe nach Lübeck, ermöglichte die nach der Burg benannte Siedlung ihr im frühen 13. Jahrhundert den Status einer Stadt. Sie ist eine der ältesten Städte Mecklenburgs und bemerkenswert, dass von da an das ‚Lübecker Gesetz‘ herrschte. Es war der Rechtskodex, der von jener großen Hanseatestadt und Macht an der Ostsee entwickelt wurde, um den Handel zu erleichtern und Kaufleute zu schützen. Die Handelsbeziehungen zwischen Wittenburg und Lübeck müssen damals so eng gewesen sein, dass das Erstere sogar seinen Namen als Familiennamen nach Lübeck exportierte, aber darüber später.

Mit den sich ändernden Umständen änderte sich auch das Schicksal Wittenburgs, und in den folgenden Jahrhunderten wurde es von anderen Städten an Bedeutung verdrängt. Auch die Teilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg half nicht, aber die Lage der Stadt an einer Hauptverkehrsader, der Autobahn Hamburg-Berlin, veränderte nach 1989 erneut alles. Dies, in Kombination mit der Klugheit der Wittenburger Bürger und der Stadtverwaltung, zog neue Unternehmen und Menschen an und steigerte so den Wohlstand und die Bedeutung dieser kleinen Stadt erneut. Die Geschichte Wittenburgs als Stadt erstreckt sich über 800 Jahre, aber ihre Geschichte als Siedlung ist viel länger, was diejenigen, die das Kapitel „Etymologie“ auf dieser Website gelesen haben, bereits wissen.

Wenn Sie hierher gekommen sind, um einen kurzen Überblick darüber zu bekommen, worum es in Wittenburg geht, wird empfohlen, den Wikipedia Eintrag ‚Wittenburg‘ https://de.wikipedia.org/wiki/Wittenburg zu lesen. Wenn Sie jedoch noch mehr über die Geschichte von Wittenburg wissen wollen, selbst die Geschichte von Mecklenburg aus der Perspektive von Wittenburg, und wie der Familienname Wittenburg damit zusammenhängt, lesen Sie bitte weiter.

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Vorgeschichte und germanische Periode

Das als Mecklenburg bekannte Land weist Spuren menschlicher Besiedlung auf, die etwa 80 Jahrhunderte nach dem Rückzug der Eisdecken der letzten Eiszeit zurückreichen, aber über diese prähistorischen Menschen ist wenig bekannt. Germanische Völkerstämme1 begannen sich schließlich in der Region niederzulassen und wurden zuerst von Julius Caesar erwähnt und dann vom römischen Historiker Tacitus ausführlicher diskutiert, 2 als Bewohner dessen, was er ‚Germania‘ nannte. Sie gehörten vermutlich zu den Stämmen der Warini und Langobarden (Lombarden) in dieser Region. In der Nähe wurden einige Begräbnisstätten und ein Bronzeschwert gefunden, aber nichts ist bekannt, das die dort lebenden Menschen direkt mit einer Siedlung verbindet, die schließlich zu Wittenburg wurde.

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Die slawische Zeit

Weitere mehrere Jahrhunderte vergingen, bis die Völkerwanderungszeit,3 die im 4. Jahrhundert begann, germanische Stämme veranlasste nach neuen Gebieten im Westen und Süden zu ziehen. Slawische Völker folgten – die westslawischen Stämme der Polaber/Obotriten4, auch bekannt als ‚Wenden‘, eine Ableitung des römischen Begriff für sie – ‚veneti/venedi‘ –, und ließen sich in diesen nun fast entvölkerten Regionen nieder. Sie waren es, die eine befestigte Mauerburg an der Stelle des heutigen Wittenburgs errichteten, zu der möglicherweise auch eine nahegelegene Siedlung gehörte. Leider ging der Name dieser wendischen Burgsiedlung in der Geschichte verloren, aber wie bereits im Kapitel ‚Etymologie‘ diskutiert5, schlug Otto Vitense, ein bedeutender Historiker Mecklenburgs und selbst ein gebürtiger Wittenburger, vor , dass die Slawen sie ‚Belgard‘ oder ‚Belgrad‘ genannt haben könnten (‚Bel‘ = ‚Weiß‘ oder ihr Farbäquivalent für ‚Westen‘, also gleichzeitig ‚Weiß‘ oder ‚Westliche Stadt/Burg‘), und dass die Sachsen diesen Namen wahrscheinlich für die Siedlung und Burg übernommen und übersetzt hatten, die sie nach der Eroberung dieser Gebiete in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts auf den Ruinen der slawischen Burg errichteten. Seine Meinung dazu wird zudem durch Prof. Friedrich Schlies Werk aus dem späten 19. Jahrhundert zu Mecklenburgs Kunst- und Geschichte-Denkmälern gestützt 6. Vitense berichtet auch, dass die wendischen Herrscher ihre Gebiete in ‚Burgbezirke‘ organisiert hatten, wobei jede ihrer Siedlungen durch eine Mauerburg geschützt wurde, die auch der Sitz war, von dem aus die umliegenden Ländereien, der ‚Bezirk‘, kontrolliert wurde, und dass diese Verwaltungseinteilung den Sachsen später ebenso gut zurechtkam.

Das Verhältnis zwischen den Sachsen südwestlich der Elbe und den slawischen Völkern im Osten und Nordosten war von ständigen Spannungen geprägt und mündete oft in Feindseligkeiten. So wie das fränkische Königreich Karls des Großen die häufigen sächsischen Überfälle und Plünderungen der fränkischen Gebiete als Rechtfertigung für einen groß angelegten Krieg gegen sie nahm, der gegen Ende des 8. Jahrhunderts mit der Eroberung Sachsens endete, versuchten die nun christianisierten Sachsen, die slawischen Gebiete von Wagria (heute Holstein) und Polabien (heute Mecklenburg) aus ähnlichen Gründen zu kontrollieren. Sie taten dies durch die Verbreitung des Christentums, durch Allianzen mit obotritischen/polabischen Fürsten gegen gemeinsame Feinde oder durch offene Kriege gegen die Slawen.

Nicht, dass Karl der Große diese Gebiete nicht auch schon früher im Auge gehabt hätte, und hauptsächlich aus denselben Gründen: Als Verbündete gegen die damals noch heidnischen und unbesiegten Sachsen, aber auch, um Tribut von wendischen Herrschern zu erheben. Helmold von Bosau7, ein Priester und sächsischer Historiker, sagte viel über die vierhundert Jahre von der Epoche Karls des Großen bis zu seiner eigenen Zeit im 12. Jahrhundert in seiner ‚Chronica Slavorum8‚. Durch seinen Bericht erfahren wir viel über die sächsischen Bemühungen, die Slawen zum Christentum zu bekehren, sowie über die zerbrechlichen Zweckallianzen zwischen den verschiedenen Parteien und die Kriegsführung jener Zeit.

Das heutige Wittenburg und die umliegenden Gebiete lagen damals in der Grenzregion zwischen Sachsen und Wenden, wobei der nordöstliche ‚Limes Saxoniae‘ (die sächsische Grenze) die Elbe war. Es war auch die erste slawische Befestigung nördlich einer wichtigen Überquerung dieses Flusses und darüber hinaus die westlichste in diesem speziellen Gebiet. Es sollte demnach nicht überraschen, dass der Ort im Laufe der Jahrhunderte viele Feindseligkeiten erlebte.

Die Billunger9, mit denen Besucher dieser Website vielleicht bereits aus dem Artikel über Wittenburg (Elze) in Niedersachsen vertraut sind, begannen ab der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts, sich in dieser Region zu profilieren. Sie erlangten während der Herrschaft von Otto I., damals König von Ostfranken und später römisch-deutscher Kaiser, an Bedeutung, als dieser Hermann Billung 936 zu seinem Militärgouverneur in Sachsen machte. Er gewährte ihm außerdem die Kontrolle über die Grenze und die westslawischen Stämme im Nordosten, weshalb diese Region von späteren Historikern als ‚Billunger-Mark‘ bezeichnet wurde10. Der Plan war, die Slawen zum Christentum zu bekehren und sie zu tributzahlenden Untertanen zu machen, während gleichzeitig die Germanisierung dieser Gebiete vorangetrieben wurde. Die effektive Kontrolle der Billunger über diese Mark war jedoch durch die Wechsel von Einfällen und Schlachten im 10. Jahrhundert eher fragil. Die ‚Billung-Mark‘ ging nach dem großen wendischen Aufstand von 983 gegen ihre sächsischen Oberherren erneut verloren. Der Aufstand beendete jedoch nicht die Feindseligkeiten, sondern verschärfte sie nur, und zwar nicht nur zwischen Sachsen und Wenden. Es lag auch an internen dynastischen Konflikten zwischen slawischen Fürsten und dem Eintritt eines weiteren Akteurs, Dänemarks: Ziel dessen war es, von allem zu profitieren, um selbst eine führende Macht in Nordeuropa zu werden.

Die Billunger prägten dieses Land dennoch ein weiteres Jahrhundert lang durch verschiedene wendische Vasallen, jedoch nicht immer klug, besonders während der Herrschaft von Herzog Bernhard II. von Sachsen11. Manchmal waren sie Feinde der Dänen, dann wieder, ihre Verbündeten gegen die Wenden. Es war auch eine Zeit, in der das Christentum unter den Wenden stark gefördert wurde, jedoch mit ungleichmäßigen Ergebnissen. Es erlebte einen Aufschwung nachdem Gottschalk (auch bekannt als der heilige Gottschalk und Godescalc), 12 ein wendischer Fürst, der in Klöstern ausgebildet wurde – eines davon in Lüneburg – 1043 als Sieger des üblichen heftigen Nachfolgekampfes Anführer der Obotriten wurde. Er wurde schließlich nach einer Rebellion seiner noch überwiegend heidnischen Adligen1066 ermordet. Vieles von dem, was er in der christlichen Missionsarbeit erreichte, wurde während der vierteljahrhundertigen Herrschaft seines Nachfolgers Kruto wieder gewaltsam zunichtegemacht.13 Diesem obotritischen Fürsten erging es jedoch nicht besser als seinem Vorgänger: Nachdem er Gottschalks zweiten Sohn Heinrich durch List aus dem Exil zurückgelockt hatte, um ihn bei einem Fest zu töten, kehrten sich stattdessen die Rollen, und Kruto wurde 1093 von Heinrichs Männern ermordet. Um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, heiratete Krutos Witwe, die an beiden Plänen beteiligt war, daraufhin noch Heinrich. Seine Herrschaft war jedoch alles andere als sicher, bis er Krutos Sohn mit Hilfe seines Vetters und Verbündeten, des letzten Billunger Herzogs von Sachsen, Magnus, in der Schlacht von Schmilau bei Ratzeburg im selben Jahr besiegte, in dem Kruto ermordet wurde.

Magnus‘ Hilfe kam natürlich nicht umsonst, und die Sachsen konnten erneut die Kontrolle über die wendischen Ländereien erlangen, allerdings mit einer vorübergehenden Wendung des Schicksals nach dem Tod Heinrichs im Jahr 1127. Dynastische Thronfolgekämpfe flammten erneut in all ihrer gewohnten Grausamkeit auf und führten nach dem Blutvergießen, das alle männlichen Erben Heinrichs auslöschte, sogar zu einer kurzlebigen Zwischenzeit des dänischen Königs Knut Lavard als „König der Obotriten“, nachdem er von dem ehemaligen Herzog von Sachsen, dem nun Heiligen Römischen Kaiser Lothar III., zu dieser Ehre ernannt worden war. Das endete, als Knut selbst 1131 Opfer eines Mordes wurde.14

Die Unruhen ließen weder in Wagria noch in Polabien, das auch lose als „Nordalbingien“ bezeichnet wurde ab, selbst nach dem Zuwinken von Lothar III. an Dänemark15 und flammten natürlich nach Knuts gewaltsamem Tod noch stärker auf. Unruhen, deren Hauptnutznießer Niklot war16, ein wendischer Fürst unbekannter Herkunft. Er war ein geschickter Anführer seines Volkes und sich seiner Stärken und Schwächen bewusst. Er war auch ein kluger Diplomat, um seine Position aufrechtzuerhalten. Zunächst ging er eine Vereinbarung mit einem anderen Anwärter der wendischen Führung ein, um gegen den gemeinsamen Feind, die Dänen, zu kämpfen, verbündete sich dann mit den Sachsen gegen seinen ehemaligen Verbündeten und kämpfte später sowohl gegen die Kirche als auch gegen die Sachsen. Seine Treueversprechen waren zahlreich und änderten sich mit sich verändernden Umständen.

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Der Wendische Kreuzzug

Als ob dies allein nicht schon genügend an regionalem Aufruhr gewesen wäre, trat mit dem Wendischen Kreuzzug von 1147 ein weiteres aufrührerisches Element auf17. Dieser Kreuzzug entfaltete sich im Zuge des Beginns des Zweiten Kreuzzugs von 1144 ins Heilige Land und hauptsächlich durch das Drängen des burgundischen Abts und großen Meinungsmachers Bernard von Clairvaux,18 der fand, dies wäre auch die richtige Zeit, entschieden gegen das slawischen Heidentum vorzugehen. Sein Ruf lautete: ‚Bekehrt euch oder sterbt‘. Laut dem Historiker Vitense war es ‚das törichste Unternehmen, das je stattgehabt hat,’ das vollständig von religiösem Fanatismus angetrieben wurde und keineswegs mit den politischen Zielen der mächtigsten säkularen Führer der Region übereinstimmte.19 Sie waren der Herzog von Sachsen, damals der Welfe ‚Heinrich der Löwe‘, der andere ‚Albrecht der Bär‘, Markgraf von Brandenburg. Beide waren Enkel von Magnus, dem letzten der männlichen Billunger,20 durch ihre Mütter.

Der Wendische Kreuzzug war ein weniger erfolgreiches Unterfangen, wie seine Befürworter es sich erhofft hatten, bereitete jedoch trotzdem den Boden für die endgültige Unterwerfung der polabischen Slawen durch die Sachsen, wodurch Niklot den Rest seiner bisherigen Unabhängigkeit verlor und er zum Vasallen des sächsischen Herzogs wurde. Sie dauerte jedoch nur ein Jahrzehnt. Obwohl nur am Rand, führte ein weiterer Nachfolgekampf um den dänischen Thron dazu, dass die Interessen Heinrichs des Löwen mit denen von Niklot aufeinander prallten, und dieser startete einen Straffeldzug gegen seinen ehemaligen Vasallen. Niklot wurde 1158 bei einem Gefecht gefangen genommen und in Lüneburg inhaftiert. Vitense berichtet, dass seine Söhne Pribislaw und Wertislaw weder durch gute Worte noch durch Geld die Freiheit ihres Vaters erlangen konnten, doch was Heinrich den Löwen wahrscheinlich zum verhandeln bewegte, war ein Überfall dieser Söhne im selben Jahr, bei dem sie sowohl Gadebusch als auch das heutige Wittenburg zerstörten.

So sind wir nach diesem für manchen Lesern vielleicht ausführlichen Ausflug in die regionale Dynastie- und Machtpolitik endlich wieder in Wittenburg, doch die Absicht war es, der Geschichte dieses ehemaligen wendischen Außenpostens und seiner umliegenden Gebiete Kontext zu geben.

Was könnte der Grund gewesen sein, warum Niklots Söhne speziell Gadebusch und Wittenburg einäscherten, um Heinrich den Löwen zum Nachgeben zu bewegen? Lag es vielleicht daran, dass beide Orte zur neu gegründeten sächsischen Grafschaft Ratzeburg gehörten – der ehemaligen wendischen Festung ‚Ratibor‘? Die Grafschaft Ratzeburg wurde 1142 von Heinrich dem Löwen an seinen Lehnsherrn Heinrich von Badewide übertragen, der sich daran machte, sie so schnell und so gut wie möglich zu germanisieren. Es wäre daher nicht unvernünftig anzunehmen, dass zumindest die Garnison der Burgen und wahrscheinlich sogar ein großer Teil der Bevölkerung der umliegenden Siedlungen aus Sachsen bestand, als Niklots Söhne sie niederbrannten. Sicherlich wäre es ihre erste Wahl gewesen, sächsische Außenposten und Siedlungen zu zerstören, und nicht slawische, um bei ‘dem Löwen’ endlich Gehör zu finden.

Heinrich gab nach, und nachdem er von Niklot einen neuen Treueeid erhalten hatte, ließ er ihn frei, doch der Frieden zwischen den beiden war nur von kurzer Dauer, da die Hauptursache ihres Konflikts weiterhin bestand. Zwei Jahre später wurde Niklot bei einer Aufklärung in der Nähe seines Schlosses Werle in einem Hinterhalt getötet.

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Sachsen und Germanisierung

Niklots Söhne versuchten eine Zeit lang, die Ländereien ihres Vaters als Herrscher der Obotriten durch verschiedene Feldzüge zurückzuerobern, hatten jedoch nur teilweise Erfolg. Ihre Sache war aussichtslos, die Dynamik der Zeit war nicht zu ihren Gunsten. Während der jüngere, Wertislaw, nach einem der weiteren zahllosen Gefechten von Heinrich dem Löwen gefangen genommen und hingerichtet wurde, schlossen sein älterer Bruder Pribislaw und der Löwe – letzterer brauchte inzwischen eigene Verbündete – 1167 Frieden. Als sein Vasall wurde Pribislaw der Vorfahre der Herzöge, später Großherzöge von Mecklenburg, die diese Gebiete bis 1918 regierten. Das war damals alles andere als sicher, denn in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts gab es viel mehr Unruhen in der Region, zunächst durch den Thronfolgestreit zwischen Pribislaws und Wertislaws Söhnen, aber noch wichtiger durch das spektakuläre Zerwuerfnis Heinrichs des Löwen mit dem Heiligen Römischen Kaiser Friedrich I. ‚Barbarossa‘ und dem daraus resultierenden Sturz des Herzogs im Jahr 1180.

Das lag jedoch noch in der Zukunft, und zuvor begann der Löwe seine Kontrolle über diese wendischen Gebiete zu festigen, indem er sächsische Lehnsherren wie Heinrich von Badewide als Graf von Ratzeburg (1143), damals auch bekannt als ‚comes polaborum‘ – Graf der Polabier, und Gunzelin von Hagen als Graf von Schwerin (1161) einsetzte. Die Burg Mecklenburg 21, einst Sitz von Gottschalk und seit seiner Zeit erneut zweimal überfallen, wurde 1161 von den Sachsen wieder aufgebaut. Sie wurde 1164 erneut geplündert, diesmal von Pribislaw, seine Garnison und den meisten neuen flämischen Siedlern wurden in den Kämpfen und danach getötet.

Weshalb diese ‚flämischen‘ Siedler? Zum einen waren sie damals nicht nur mit dem heutigen Flandern verbunden, sondern auch mit dem, was heute die gesamten Niederlande und einen Teil des heutigen Belgiens ist. Wir begegnen ‚den Flamen‘ nicht nur hier im Land Mecklenburg und in unserem Fokus auf Wittenburg, sondern auch weiter südlich in dem Abschnitt über die Geschichte Wittenbergs. Die Flamen waren wahrscheinlich aus denselben Gründen für Migration seit jeher angezogen worden sein: Ein schwieriges Leben in der Heimat mit besseren Möglichkeiten anderswo, und vielleicht sogar ermutigt durch Anreize von regionalen Herschern, die ihr Land mit dankbaren und loyalen Untertanen bevölkern wollten. Dies könnte mehrere Jahre Freistellung vom Zehnten sowie sichere Pacht im Austausch für die Urbarmachung des Landes für die Landwirtschaft umfassen – ein ähnliches Angebot, das den Neusiedlern einige Jahrhunderte später in Nordamerika gemacht wurde.

Nach der verheerenden Allerheiligenflut von 1170,22 die große Teile der heutigen Niederlande überflutete und vieles davon unbewohnbar machte, wurde dort eine bedeutende Bevölkerung obdachlos und mittellos, oder in der heutigen Sprache ökologische Flüchtlinge. Zufall wollte es, dass dies sich gerade auch mit dem Projekt der sächsischen Osterweiterung zusammenfiel. Ob Siedler aus den sächsischen Kerngebieten oder aus den Niederungen – den Regionen Flandern oder Holland – stammten, sie wurden sowohl vom Landesherrn als auch vom Bischof willkommen geheißen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Helmolds Darstellung von Heinrich dem Löwen ist in dieser Hinsicht nicht schmeichelhaft. Sein Vorwurf, dass der Herzog von Sachsen ‚mehr an Geld als an den Seelen interessiert sei‘, spiegelt nur völlig andere Ziele wider. Laut Vitense23 war Heinrich in erster Linie motiviert, Tribut zu erheben und seine Macht über diese Gebiete auszudehnen, und weniger an der Bekehrung der Wenden zum Christentum. Letzteres war Angelegenheit der Kirche.

Die neuen Siedler brachten auch landwirtschaftliche Technologie mit, die derer der Slawen überlegen war, und sie hatten eine andere Einstellung zu Wäldern und Sümpfen. Vitense berichtet, dass ihre Eisenpflüge die dichten Böden bearbeiten konnten während die Holzpflüge der Slawen dies nicht konnten. Während die Wenden mit Weide, kleinflächiger Landwirtschaft und sumpfigen Wäldern auf ihrem dünn besiedelten Land zurechtkamen, entwässerten, entwaldeten und pflügten die Neuankömmlinge.

Wir können aus der heutigen bequemen Perspektive darüber diskutieren, ob die Wege der Wenden ökologisch nachhaltiger und daher vorzuziehen waren, aber im Mittelalter wären solche Überlegungen des 21. Jahrhundert niemandem in den Sinn gekommen. Ein beitragender Faktor für intensivere Anbaumethoden könnte auch die mittelalterliche Erwärmungsphase jener Zeit gewesen sein, die eine längere Vegetationsperiode in Nordeuropa hervorbrachte und dadurch auch zu einem deutlichen Bevölkerungsanstieg führte. Es versteht sich fast von selbst, dass eine größere Bevölkerungsbasis und ein erhöhter landwirtschaftlicher Ertrag schließlich den Feudalherren durch höhere Zehnten zugutekamen, aber auch der Kirche und somit weiter dazu beitrug neue Siedler zu bevorzugen.

Aus Sicht von Heinrich dem Löwen war eine weitere Überlegung zur ‚Germanisierung‘ dieser Länder, die sächsische Kontrolle dauerhaft zu sichern, da er sich der vielen vorherigen Aufstände und Rückschläge nur allzu bewusst war. Der Prozess erstreckte sich über ein Jahrhundert, und wie bei jeder Eroberung und anschließenden Kolonisierung, ging es nicht schön zu. Wenden, die zum Christentum konvertierten und sich in der neuen Realität im Stil ihres Fürsten Pribislaw anpassten, schnitten im Allgemeinen besser ab, andere wurden vertrieben oder noch schlimmer. Einige ihrer Dörfer in landwirtschaftlich uninteressanten Gebieten wurden zu isolierten Enklaven. Vitense schrieb in seiner ‚Geschichte Mecklenburgs‘, Seite 78, dass laut dem Ratzeburger Zehntenregister von 1230 nur 4 von 93 Dörfern im ‚Land Wittenburg‚ wendisch blieben. Selbst wenn wir annehmen, dass diese Gesamtzahl auch neu gegründete Siedlerdörfer eingeschlossen haben muss, zeigt das deutlich, wie sich das Machtgleichgewicht in relativ kurzer Zeit verschoben hatte. Dennoch hatte sich im Laufe der Zeit eine Vermischung der sächsischen/flämischen und verbliebenen wendischen Bevölkerung vollzogen, und die wendische Zeit Mecklenburgs hat daher in germanisierten Namen und geografischen Beschreibungen immer noch ein gewisses Bestehen.

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Wie erhielt Wittenburg seinen Namen?

Wie bereits erwähnt, konzentrierten sich die Bemühungen von Germanisierung in gewissen Gebieten schon relativ früh und schlossen aus offensichtlichen Gründen die Grenzgebiete ein, die unter anderen auch die ‚provincia‘ Wittenburg umfassten, wie dieses Land schon in frühen Dokumenten genannt wurde. Die erste solche Erwähnung der ‚provincia‘ Wittenburg findet sich in einem Dokument das angeblich aus dem Jahr 1154 sein soll. Es bezieht sich auf die Gründung des Bistums Ratzeburg, zu dem auch Wittenburg und Gadebusch gehörten. „Angeblich“, weil es Hinweise darauf gibt, dass dieses Dokument, oder zumindest ein Teil davon, eine Fälschung aus dem 13. Jahrhundert sein könnte, um jemandes Behauptungen und Ansprüche zu untermauern24. Ungeachtet der Frage der Echtheit dieses Dokuments ist die Tatsache, dass Ratzeburg und seine Ländereien 1142 an einen sächsischen Vasallen Heinrichs des Löwen verliehen wurden, und bald darauf gefolgt vom wendischen Kreuzzug von 1147. Später trat Kaiser Friedrich I. Barbarossa auf dem Reichstag in Goslar 1154 sogar sein Recht auf die Investitierung neuer Bistümer nördlich der Elbe an den ehrgeizigen Heinrich den Löwen ab. Die Gründung des Bistums Ratzeburg in demselben Jahr wurde 1158 von Papst Hadrian IV. bestätigt. Dies war auch das Jahr in welchem Wittenburg und Gadebusch von Niklots Söhnen aus bereits erwähnten Gründen zerstört wurden.

Aus dem oben Genannten lässt sich nur schließen, dass die Germanisierung in den Regionen Ratzeburg, aber auch in Schwerin, wo Heinrich in dieser Hinsicht einen besonders eifrigen Vasallen mit Gunzelin von Hagen eingesetzt hatte, recht schnell vorangeschritten sein musste.

Vitense sieht diese frühe und schnelle Germanisierung als Grund dafür, dass Wittenburgs wendischer Name, von dem er vermutet, dass er Belgard oder Belgrad war, der Geschichte verloren ging, sobald dort eine sächsische Garnison das Sagen hatte, die es zu Wittenburg umbenannte. Eine weitere Idee, die in den 1970er Jahren von Forscherkollege Walter Wittenburg aus Heidenheim, Deutschland, vorgeschlagen wurde, war, dass einer der Billunger Herzöge von Sachsen, vermutlich Bernhard II., diesen Außenposten einfach aus einer Laune heraus nach der Burg Wittenburg in Niedersachsen benannte, für welche die Vermutung stark ist, dass sie den Billungern gehörte, und möglicherweise bereits im 11. Jahrhundert.25 Eine weitere ähnliche Hypothese ist, dass es seinen Namen durch Adelheid von Wassel, Gräfin von Ratzeburg, erhielt. Sie war die Tochter von Konrad II., Graf von Wassel, und seiner Gemahlin Adelheid von Loccum, von der wir bereits im Zusammenhang mit der Burg Wittenburg in Niedersachsen wissen. Namensübertragungen fanden tatsächlich oft statt, damals und viel später, aber immer mit einer klaren Herkunftslinie. Das Problem beider Hypothesen ist, dass sie, ohne etwas anderes als nur die Verbindung der Billunger oder Gräfin Adelheid mit beiden Orten, einen großen Vertrauenssprung erfordern.

Eine weitere Hypothese besagt, dass der deutsche Name für Burg und Siedlung eine Adaption des Namens der einflussreichen sächsischen Edelsfreien der Witte war (auch lateinisiert als ‚Albus‘ und später unter dem Spitznamen ‚Wackerbarth‘ bekannt26), die nach der Zerstörung der Burg in 1158 half, sie wieder aufzubauen. Otto Albus trat sogar als einer der Schlichter bei der Beilegung eines Einnahmenteilungsstreits zwischen Isfried, Bischof von Ratzeburg, und dem Domkapitel im Jahr 1194 auf und – möglicherweise sein Sohn – wird gelegentlich als ‚Otto de Wittenburch‘ in den frühen Jahren des 13. Jahrhunderts dokumentiert. Damals bedeutete das einfach, dass ‚er aus der Stadt Wittenburch kam‘.

Es gibt jedoch weiterhin das Problem mit der Gründung des Bistums Ratzeburg vor der Zerstörung, das unter anderem die ‚provincia Wittenburg‘ erwähnt und darauf hindeutet, dass dieser Name schon früher existierte. Im Kern dieser ‚provincia‘ oder des Landes standen natürlich Burg und Siedlung, und es erscheint daher vernünftig anzunehmen, dass die ‚provincia‘ ihren Namen von Burg und Siedlung ableitet. Wie Siegfried Spantig in seiner Chronik von 1976 ‚750 Jahre Stadt Wittenburg‚ schrieb: “Sich die Provinz, das Land Wittenburg ohne deutsche Burg mit dazugehöriger Siedlung vorstellen zu wollen, das scheint nicht möglich zu sein – und wird im übrigen bisher von keinem Autor behauptet. Damit steht auch fest: Aus dem Aus dem Dorf am Fuß der deutschen Burg ging die Stadt Wittenburg hervor27.”

Ist die Verbindung mit den Witte also nur ein weiterer Zufall der Assoziation, der uns wieder zu Vitenses Annahme führt, dass Wittenburg die Germanisierung des ursprünglichen wendischen Namens sei?

Das älteste echte Dokument, auf dem der Name erscheint, aber wiederum nur als ‚provincia‘, ist Isfrieds Teilungsabkommen von 119428, das oben erwähnt wurde. Es führt alle Ländereien der Grafschaft Ratzeburg und unter deren Namen alle Pfarreien, die der Einnahmenteilung unterliegen und somit Teil des Abkommens werden, aber keines der Dörfer, die noch dem wendischen Recht unterlagen und daher keinen Zehnten an die Kirche zahlten. Sofern man nicht die abwegige Vorstellung in Betracht zieht, dass der Verwaltungssitz Wittenburg, von dem aus die sächsische Militärmacht ausgeübt wurde, damals noch dem wendischen Recht unterworfen gewesen sein, muss es einen anderen Grund für sein Weglassen gegeben haben. Es sei hier angemerkt, dass dieselbe Auslassung auch für Gadebusch zutrifft – nur das Land Gadebusch wird erwähnt, nichts von der Stadt. Könnte deren Funktion als hauptsächlich Garnisonsstädte dazu geführt haben, dass alle dort erziehlten Einnahmen ausschließlich an die weltlichen Behörden gingen? Man kommt unweigerlich auf Spantigs oben zitierter Bemerkung über Burg und Siedlung zurück. Auch wenn wir wahrscheinlich nie mit Sicherheit wissen können, wann der Name Wittenburg erstmals speziell für die Siedlung verwendet wurde, ist es nicht unangemessen anzunehmen, dass Wittenburg als Burg und Wittenburg als Siedlung, schon lange vor den erhaltenen Dokumenten, die diesen Namen belegen, unter diesem Namen bekannt waren. Dokumentation, sei es für Geburt oder Gründung, setzt eine vorherige Existenz voraus. Man muss sich auch bewusst sein, dass die beschreibende Bedeutung des Namens zwar immer gleich blieb, die schriftliche Schreibweise des Namens jedoch stark variierte – von ‚Wuitenburc‘, ‚Wit(t)e(m)nborch, -burch, -borg, sogar – wenn auch selten –’berch‘ endend bis schliesslich hin zu Wittenburg.

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Der Sturz von Heinrich dem Löwen

Auf unserer Zeitreise von der Gründung der Grafschaft Ratzeburg im Jahr 1142 bis zum Teilungsabkommen von Isfried von 1194 haben wir das Schicksal der Grafschaft und folglich des Oberherrn der ‚terra Wittenburg‘, Heinrich des Löwen, Herzog von Sachsen,29 hinter uns gelassen. Da sein spektakulärer Sturz in dieser Zeit direkte Auswirkungen auf Wittenburg hatte, müssen wir zu ihm zurückkehren.

Was verursachte die Ungnade bei seinem Vetter, dem Heiligen Römisch-Deutschen Kaiser Friedrich I. Barbarossa? Der Hauptgrund soll Heinrichs mangelnde Unterstützung für die militärische Kampagne des Kaisers in der Lombardei in Norditalien gewesen sein, die für die kaiserlichen Truppen nicht gut ausging. Ein weiterer, wahrscheinlich ebenso überzeugender Grund könnte die außergewöhnliche Machtfülle gewesen sein, die Heinrich sowohl als Herzog von Sachsen und auch als Herzog von Bayern sowie in Schwaben durch Heirat ausübte – eine Ansammlung von Macht, die von vielen anderen Fürsten, und wahrscheinlich auch vom Kaiser selbst, beneidet und gefürchtet wurde. Es wurde gegen ihn eine Kampagne begonnen, und zu einem günstigen Zeitpunkt ein Gericht einberufen. Er wurde zum Gesetzlosen erklärt und gezwungen auf die meisten seiner Lehen verzichten. Er musste sogar für einige Jahre bei seinem Schwiegervater, Heinrich II von England im Exil leben. Der Löwe nützte die Gelegenheit in 1189 während der Kaiser Friedrich Barbarossa auf dem Dritten Kreuzzug war und dabei um sein Leben kam. Er kehrte nach Sachsen zurück, wo er seine Anhänger wieder versammelte, und schreckliche Rache an denen übte, die ihn gekreuzt hatten. Schließlich musste er jedoch wieder Frieden mit Heinrich VI, dem Sohn des verstorbenen Kaisers, schließen. Er schaffte es, zumindest seine allodialen Kerngebiete zurückzugewinnen, aber nie wieder seine verlorenen Herzogtümer und seinen früheren Machtstatus. Die Förderung von Architektur und Kunst war die Haupttätigkeit für den Rest seines Lebens.

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Dänemark in Holstein und Westmecklenburg

Natürlich versuchte Dänemark, das gelegentlich seine Macht und seinen Einfluss über diese Gebiete ausgeübt hatte, erneut die Kämpfe südlich seiner Grenzen voll auszunutzen. Es verbündete sich mit Kaiser Heinrich VI. und auch mit Wertislaws Sohn Nikolaus gegen Heinrich den Löwen und unterstützte zudem Nikolaus in dessen Nachfolgestreit mit dessen Vetter Heinrich Borwin, dem Sohn von Pribislaw.

Die politische Lage komplizierte sich noch weiter mit dem Tod des Kaisers im Jahr 1197 und der anschließenden Wahl von nicht nur einem, sondern zwei Thronkandidaten im Jahr 1198, von denen einer aus der Welfen-Dynastie stammte und somit ebenfalls mit dem König von Dänemark verwandt war, der damals das polabische Wagrien (Schleswig) und Teile von Mecklenburg, kontrollierte, und dem anderen Kandidaten welcher der ebenso mächtigen Hohenstaufen-Dynastie angehörte. Diese „Doppelwahl“ und damit die unvermeidliche Spaltung der Loyalitäten führten zu einem Zustand eines quasi-Bürgerkriegs im gesamten Reich und verstärkten folglich auch die bereits bestehende regionale Instabilität30.

Unglücklicherweise befand sich der gerade neu eingesetzte Graf von Ratzeburg durch Heirat mit der verwitweten Gräfin in einer politischen Konstellation, die ihm kaum eine andere Wahl ließ, als sich mit den Feinden der Welfen und damit auch mit denen Dänemarks zu verbünden. Manchmal plünderte er dänische Grenzgebiete, um Eindruck zu machen, doch König Knut VI. beschloss, den häufigen Überfällen, die der lästige Graf und seine Verbündeten unternahmen, endgültig zu beenden. Er forderte zu einer Strafexpedition auf. Die Vasallen der Dänen, darunter Borwin und Nicolas sowie die Grafen von Schwerin, trafen schließlich auf Adolf von Dassel, Graf von Ratzeburg, auf der Ebene bei Waschow, 6 km westlich von Wittenburg, wo sie sich am 25. Mai im Jahr 1200 oder 1201 bekämpften.31 Nachdem alles vorbei war, waren die Truppen des Grafen von Ratzeburg geschlagen, und er floh und kehrte nie wieder zurück. Nickolaus war unter den Gefallenen, und da er keinen männlichen Erben hatte, sicherte er damit den Nachkommen seines Vetters Borwin, die Erben des zukünftigen Herzogtums Mecklenburg zu werden.

Die Garnisonen der nahegelegenen Burg Wittenburg sowie die von Gadebusch öffneten ihre Tore und ergaben sich, da es nichts mehr zu verteidigen gab. Ratzeburg hörte auf als Grafschaft zu existieren und stand nun unter direkter Kontrolle Dänemarks, bis diese Gebiete 1204 den Grafen von Schwerin – Heinrich und Gunzelin – als dänische Lehen für ihre Unterstützung der dänischen Expansion übergeben wurden.

Ihr Verständnis war jedoch von kurzer Dauer, wie Prof. Friedrich Schlie in seinem „Die Stadt Wittenburg“ berichtet 6 und zwar aufgrund einer Fehde zwischen den Schweriner Grafen mit einem Johann Gans von Grabow im Jahr 1206. Mehr über die ‚Gans‘ werden wir erfahren, wenn wir uns mit der Geschichte von Wittenberge beschäftigen, aber in der Zwischenzeit genügt es zu sagen, dass Johann an den Hof des dänischen Königs floh, der sich auf seine Seite stellte. Dies führte dazu, dass der König 1207 eine Strafexpedition gegen den Grafen von Schwerin entsandte und die Stadt Boizenburg sowie ganz Wittenburg besetzte und ‚die gesamte Grafschaft Schwerin gründlich verwüstete‘. Die Grafen von Schwerin wandten sich an den Markgrafen von Brandenburg und den Kaiser, aber die waren mit anderen dringenden Angelegenheiten beschäftigt. Drei Jahre später wurde eine Art Frieden geschlossen, aber es wurde nur eine teilweise Rückgabe der Ländereien an die Grafen geleistet, und sowohl Kaiser als auch Papst beugten sich Dänemark, indem sie 1214 dessen Souveränität über die nordalbingischen Gebiete anerkannten. Graf Heinrich schien genug davon zu haben, ließ seinen Bruder damit zurechtkommen und zog einige Jahre später auf Kreuzfahrt nach Palästina.

Dänemarks Machtausweitung endete jedoch hier noch nicht, und bald kontrollierten die Dänen ganz Holstein, Mecklenburg, die Insel Rügen und Pommern. Dänische Reichweite umfasste sogar das heutige Estland. Der König von Norwegen leistete Dänemark die Huldigung.

Schließlich kehrte Graf Heinrich von Schwerin 1222 aus Palästina in das zurück, was er als seine Ländereien betrachtete. Welch eine Überraschung für ihn zu erfahren, dass inzwischen die Hälfte dieser Ländereien nach dem Tod seines Bruders Gunzelin und gegen den Widerstand von Heinrichs Frau dem verwaisten Enkel des Königs vermacht worden waren und vom Grafen von Orlamünde verwaltet wurden, der 1207 die Strafexpedition von König Waldemar II führte. Graf Heinrich wartete seine Zeit ab, und die Gelegenheit ergab sich nur ein Jahr später während einer Jagd und offensichtlicher Nachlässigkeit des dänischen Königs für seine persönliche Sicherheit. Graf Heinrich von Schwerin, Vasall des Königs von Dänemark, entführte sowohl seinen Herrscher als auch dessen ältester Sohn und hielt sie gefangen! Eine Kühnheit, die in ganz Europa widerhallte. Die Verhandlungen über ihre Freilassung dauerten drei Jahre, an denen sogar der Heilige Römische Kaiser und der Papst beteiligt waren. Die meisten deutschen/wendischen Gebiete nutzten diese Zeit der Unsicherheit, um die dänische Oberherrschaft abzuschütteln. Graf Albrecht von Orlamünde, der inzwischen Dänemark anstelle des gefangenen Königs regierte, leistete im Januar 1225 bei Mölln südlich von Ratzeburg einen letzten Widerstand gegen Heinrich und seine Verbündeten, darunter auch Heinrich Borwin II. von Mecklenburg. Nach einer blutigen Schlacht, in der Graf Albrecht in Gefangenschaft geriet, wurde in Bardowick ein Vertrag unterzeichnet.

Die endliche Freiheit des königlichen Paares kostete einiges: Die dänische Staatskasse musste ein Vermögen als Lösegeld zahlen, und Waldemar musste zudem alle dänischen Ansprüche auf deutsche Gebiete abtreten und aufgeben. Kaum war er aber frei, erklärte er alle seine feierlichen Eide für ungültig, ein Akt, bei dem selbst der Papst den König mit der nicht unvernünftigen Begründung unterstützte, dass sie unter Zwang erlangt worden seien. Dennoch wurde nun Albrecht, Herzog von Sachsen, von den Feinden des Königs zum „Herr von Transalbingien“ (Land jenseits der Elbe) ausgerufen, und Graf Heinrich I. „Der Schwarze“ von Schwerin wurde sein Lehnsmann und erhielt am 16. Februar 1227 von ihm formell die Ländereien Schwerin, Wittenburg und Boizenburg als Lehen. Waldemar II. machte sich sofort daran, seine verlorenen Gebiete zurückzuerobern, doch es war zu spät. Dänische Truppen wurden im Sommer 1227 bei Bornhöved (südöstlich der heutigen Stadt Kiel in Schleswig-Holstein) deutlich besiegt. Es war das Ende der dänischen Kontrolle über Holstein, Mecklenburg und Pommern. Heinrich I., der Graf von Schwerin,32 erlangte enormes Ansehen durch die ungeheuerliche Handlung, seinen König zu entführen und gefangen zu halten, sowie durch andere ähnlich draufgängerische Taten, die zu seinen Gunsten endeten. Er war ein Mann, mit dem man rechnen musste! Dies könnte einer der Gründe für die lange Phase des Friedens und Wohlstands nach den unsicheren und turbulenten Zeiten zuvor gewesen sein.

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Wittenburg wird zur Stadt

Es war ebenfalls zu dieser Zeit, im Jahr 1226, als die Stadt Lübeck von Kaiser Friedrich II. die Rechte einer ‚freien Reichsstadt‘ erhielt, aus der sich zahlreiche Nebenprivilegien ergaben, wie etwa ‚dass kein Fürst, Herr oder Adliger der angrenzenden Provinzen es wagen dürfe, den Transport von Gütern, unabhängig von ihrer Herkunft, in die Stadt Lübeck zu hindern, ob aus Hamburg (Hamenburc), aus Ratzeburg (Raceburc), aus Wittenburg (Wuiteburc), aus Schwerin (Zwerin) oder aus allen Ländern von Borwin (Buruwini) und seinem Sohn, und dass in diesen Ländereien und innerhalb dieser Gebiete jeder Bürger von Lübeck, ob reich oder arm, ungehindert kaufen und verkaufen darf‘.33 Was auch immer der Grund war, diese anderen Orte und Ländereien speziell zu Hamburg hinzuzufügen, das bereits seit 1189 eine ‚freie Reichsstadt‘ war, sei es um ein sichereres Hinterland für den Gütertransport zu schaffen oder als Anspielung auf Heinrich I., den mächtigen Grafen von Schwerin, – es hatte eine positive Wirkung auf die Region. 1226 gewährte Lübeck auch Bürgern der im kaiserlichen Dekret genannten Städte die Rechte seiner Bürger.

All dies stützt die Annahme, dass Wittenburg während oder sogar schon davor Stadtrechte gewährt wurden, und weshalb das Jahr 1226 in der Geschichte Wittenburgs so bedeutend ist, als das Datum der Erhebung zur Stadt mit allen Privilegien, die dieser Status anzubieten versprach. Die erste Erwähnung von Wittenburg als ‚civitas‘ – Stadt – erscheint jedoch erst im Ratzeburger Zehntenregister von 1230, doch da dieses Register eben ein Register und kein ‚Gründungsdokument‘ ist, kann mit Sicherheit von einer Vorexistenz des Stadtstatus angenommen werden. Vielleicht wurde sie sogar während der kurzen dänischen Periode zu Beginn des Jahrhunderts, als der Graf von Orlamünde diese Region als Vasall Waldemar II. regierte, eine Stadt. Dies könnte auch die Annahme des ‚Lübecker Gesetzes‘ für die Stadt und deren Benennung im Reichsdekret über Lübeck von 1226 erklären. Karl Hoffmann sieht dies so in einer Fußnote zu seinem Artikel „Die Gründung der Stadt Wittenburg“.34 Die dänische Periode endete nach der Schlacht bei Börnhöved im Jahr 1227. Hoffmann wirft auch eine weitere interessante Spekulation auf: Dass die Annahme des ‚Lübecker Gesetzes‘ in Wittenburg auch ‚dadurch erklärt werden könnte, dass sich Menschen aus Lübeck in Wittenburg niederließen‚. Vielleicht war es auch umgekehrt.

Lübeck sollte rasch in der mächtigen Hanse, 35der ‚geheimen Supermacht des Mittelalters‘, wie in einiger Literatur beschrieben, an die Spitze gelangen. Es gibt Hinweise darauf, dass einige Bürger und Kaufleute aus Wittenburg in den frühen Tagen der Stadt Handelsbeziehungen mit Lübeck hatten und sogar dorthin zogen, da bald der Name ‚de Wittenborch/borg‘ in dieser Stadt auftaucht. Ein weiterer Forscherkollege aus vergangener Zeit, Hans-Joachim Wittenburg aus Lübeck, bemerkte in seinem Aufsatz ‚Auf den Spuren der Wittenburgs‘36: „Bereits in den vierziger Jahren des 13. Jahrhunderts finden wir in Lübeck im verlorenen, aber rekonstruierten ersten Buch der Aufzeichnungen von Brehmer, Johann und Wedego de Wittenborg als Grundstückseigentümer in Lübeck. Ein Frederico de Wittenborg wird in einer Lübecker Urkunde als Zeuge erwähnt, sein Sohn Friedrich besaß ein Haus in der Platea hucorum (Hüxstraße), während ein anderer Sohn Priester in Plau war.“ Weiter lesen wir: „Etwa 100 Jahre nach der Gründung der Stadt [Lübeck] treffen wir Hinricus de Wittenburg als Stadtrat (Konsul cuitates Lubeke), 1259 als Camerarius und 1261 als Prokonsul (Bürgermeister).“ Dann: „Ein vermuteter zweiter Sohn ist Hinricus de Wittenborgh, Kaufmann in Lübeck und außerdem Stadtrat von 1286 bis 1324. Es wird eine familiäre Beziehung zwischen ihm und dem Lübecker Kaufmann Hermann de Wittenborg angenommen, der ebenfalls Eigentum in Naz(sch)endorf (Mecklenburg) besaß. Er war mit Margarethe Grope verheiratet. Sein Sohn war der spätere Bürgermeister Johann (de) Wittenborg.“

Dieser Johann Wittenborg war der Bürgermeister, der 1362 einen Feldzug mit katastrophalem Ausgang für die hansische Flotte gegen den dänischen König Waldemar Atterdag führte und 1363 auf dem Lübecker Marktplatz enthauptet wurde, woraufhin die Wittenborger aus den herrschenden Familien dieser Stadt verschwanden. Mit diesem Familiennamen-Ausflug nach Lübeck sind wir jedoch auf ein anderes Thema eingegangen, und das ist nicht einmal der einzige Ort, an dem der Name Wittenburg/burch/borg/borch in den frühen Jahren des 13. Jahrhunderts auftaucht. Mehr über die Entwicklung und Verbreitung des Namens Wittenburg in seinen zahlreichen Formen wird Thema der Kapitel ‚Nachnamenentwicklung‘ und ‚Weltweite Verbreitung‘ sowie das Schicksal von Johann Wittenborg in der Kategorie ‚Adlige und Patrizier‘ sein. Es genügt zu wissen, dass die meisten erhaltenen Nachnamen Wittenburg in dieser Zeit von Menschen aus der Stadt Wittenburg und deren unmittelbarer Umgebung übernommen wurden, um ‚den Ort, aus dem sie stammen‘ zu kennzeichnen. Kehren wir nun nach Wittenburg zurück.

Zu den Privilegien einer mittelalterlichen Stadt gehörte der Markt, der Handwerker und Händler aus nah und fern anzog, was wiederum Wohlstand und sogar Reichtum schuf. Wittenburg war offensichtlich nicht mit Städten wie Hamburg oder Lübeck vergleichbar, schon aufgrund ihrer Geografie und Größe sowie ihrer älteren Geschichte als Handelszentren. Der Wohlstand entwickelte sich in Wittenburg, einer Stadt, die hauptsächlich als Garnisonsstadt und als Zentrum der umliegenden landwirtschaftlichen Wirtschaft diente, in einer etwas bescheidener Weise. Die Bevölkerung betrug damals nicht mehr als ein paar hundert Seelen. Nun müssen jedoch der Begriff Wohlstand und das frühere kaiserliche Dekret über ’sichere Straßen‘ in die Perspektive der damaligen Zeit gesetzt werden: Die kaiserliche Kanzlei war weit entfernt und gut organisierte Banden von Straßenräubern, die oft aus den Festungen lokaler Adliger operierten, waren in der Nähe. Dieses Problem wurde nach dem Wahlfiasko von 1198 für einen neuen König und Kaiser sowie nach dem Großen Interregnum37 Mitte des 13. Jahrhunderts noch akuter, da die zentrale Autorität, – ohnehin nie sehr stark -, noch weiter nachließ. Die lokalen Herrscher handelten zunehmend eigenständig. Es war die Zeit des ‚Faustrechts’, und das Land Wittenburg bildete da keine Ausnahme. 1328 wurde ein gegenseitiger Hilfsvertrag mit Lübeck von den Grafen und anderen Herrschern, darunter auch denen der Stadt, unterzeichnet, um diese Geißel auf dem Land zu bekämpfen. Es half nicht, dass Herzog Erich II. von Sachsen-Lauenburg angeblich in seiner Jugend mit Raubritten zusammenarbeitete und sie schützte. Das Abkommen wurde 1338 erneut und dann wieder in 1349. Einige Räuberverstecke existierten noch und wurden 1349 in der Grafschaft Wittenburg alsbald zerstört, Eine weitere Vereinbarung wurde 1353 unterzeichnet, und Namen unter anderen Unterzeichnern nennen einen ‚Johann Wittenborg, Stadtrat von Lübeck‘. Wahrscheinlich ist es derselbe, der schließlich Bürgermeister dieser Stadt wurde und hier zuvor erwähnt wurde. Leider reichte Absicht ohne Zusammenarbeit überall nicht aus. Das Problem der Raubritter und übrigens auch des Seeräuberwesens in der Ostsee dauerte bis weit ins 15. Jahrhundert hinein.38

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Wittenburg wird eine Grafschaft.

Der beeindruckende Heinrich I. schuf in seiner Grafschaft Schwerin in jener Zeit so gefestigte und stabile Bedingungen, wie es die damalige Zeit erlaubte, und nach seinem Tod in 1228 machte sein Sohn Gunzelin III. bis zu seinem eigenen Tod in 1274 in kluger Weise so weiter. Seine Söhne beschlossen daraufhin, die Grafschaft zu teilen, wobei der älteste überlebende Sohn, Helmold III, Schwerin, Neustadt und Marnitz behielt, der jüngste, Nikolaus I., Wittenburg, Boizenburg, Crivitz und das Gut Sellesen. Er nannte sich abwechselnd ‚Graf von Schwerin-Wittenburg‘ oder ‚Graf zu Wittenburg‚, um das ‚Haus Wittenburg‚ vom ‘Haus Schwerin’ seines älteren Bruders, Helmold III, zu unterscheiden. Dieser war weiterhin einfach ‚Graf von Schwerin‘. Diese Teilung unter den beiden Brüdern sollte zwei Generationen später bedeutende Folgen haben. Nikolaus‘ Sohn, Gunzelin VI., wurde 1323 der zweite Graf zu Wittenburg. Gleichzeitig wurde sein jüngerer Bruder Nikolaus – genannt der Zweite – nach einer weiteren Erbteilung Graf von Boizenburg und Crivitz, und mit ihm entstand ein Teil der Ereignisse, die den zukünftigen Besitz der gesamten Grafschaft Schwerin bestimmten.

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Familienstreitigkeiten unter den Grafen

In seinen ‚Stammtafeln der alten Grafen von Schwerin‘ 39 vermutete der mecklenburgische Archivar Dr. F. Wigger im 19. Jahrhundert, dass dieser Nikolaus II., gestützt auf einen seltsamen Vertrag, den er und seine Mutter 1326 geschlossen hatten, sowie weitere erratische Handlungen seinerseits zu jener Zeit und auch danach, ‘nie recht mündig und selbständig geworden ist, sich jedenfalls sehr langsam entwickelt hat’, was darauf hindeutet, dass er kein gesundes Urteilsvermögen hatte. Der Vertrag betraf seine Nachfolge und wurde nicht mit seinem Halbbruder Gunzelin VI., Graf zu Wittenburg, sondern mit Vetter Heinrich III.,dem Grafen von Schwerin, abgeschlossen. Im Gegenzug dadurch de facto Nikolaus II’s Treuhänder und Erbe zu werden, versprach Heinrich, sich um seinen Vetter zu kümmern und ihn zu beschützen sowie zusätzliches Einkommen für Nikolaus‘ Mutter, die verwitwete Gräfin zu Wittenburg, bereitzustellen. Der Vertrag hatte eine anfängliche Laufzeit von zehn Jahren und sah vor, dass er nur dann wirksam werden sollte, falls Nikolaus seine Mutter überleben würde, doch die Parteien hielten die Bedingungen weit über den ursprünglichen Zeitraum hinaus ein.

Wenn man G.C.F. Lischs ‚Genealogie der Grafen von Schwerin und der Verkauf der Grafschaft Schwerin‘ liest, könnte man schließen, dass Nikolaus des Zweiten Mutter, Merislava von Pommern, in ihrer Rolle als zweite Ehefrau von Nikolaus I.40 und damit Stiefmutter von Gunzelin VI., an dieser Regelung teilgehabt haben könnte, um ihre eigenen Interessen als Witwe zu schützen. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass sie künftigen Schutz außerhalb der engsten Familie ihres Mannes suchte: Sie suchte ihn bereits 1317 bei ihrem Onkel Heinrich II., Herr von Mecklenburg, für sich und ihre Kinder im Falle des Todes ihres Mannes, des Grafen Nikolaus I. zu Wittenburg. Waren es einfach Familien Dynamik und Vorsicht, besonders zu jener Zeit, oder waren andere Faktoren für den Vertrag von 1326 verantwortlich? Tatsächlich gab es diese laut der Abhandlung von 1933 vom Historiker Dr. Hans Sarings ‚Zur Tecklenburg-schwerinschen Streitfrage‘:41 Er schreibt auf Seite 104, “dass die beiden Brüder nicht in Frieden miteinander lebten und dass erdrückende Schulden Nikolaus II. zwangen, sich in Abhängigkeit seines Vetters, des Grafen Heinrich III. von der Schweriner Linie zu begeben”. 1343, ein Jahr vor dem Tod von Graf Heinrich III., machte Nikolaus einen weiteren erratischen Schritt: Er unterzeichnete einen neuen Erbfolgevertrag und Vermächtnis für seine Besitzungen Boizenburg, Crivitz und Sellesen, sollte er ohne männlichen Erben sterben, diesmal jedoch mit den Herren – die einige Jahre später die Herzöge werden sollten – Albrecht und Johann von Mecklenburg, und ignorierte damit völlig alle Rechte, die Nikolaus III. von Schwerin noch hätte gehabt haben können.42 Nikolaus II. war zu dieser Zeit noch ledig, und er könnte zu dem Schluss gekommen sein, dass sein früherer Vertrag mit Graf Heinrich III. von Schwerin ohnehin abgelaufen war und er seinem Halbneffen nichts schuldete. Vielleicht war Graf Heinrich bereits ein kranker Mann, und Nikolaus versuchte, seine Position zu schützen, indem er sich den Mecklenburgs anschloss – Vettern über seine Großmutter mütterlicherseits. Graf Heinrich starb ein Jahr später kinderlos, und die Grafschaft Schwerin ging nun an Otto I., der den Spitznamen ‚Otto Rose‘ oder ‚Rosa‘ erhielt, offenbar wegen seiner außergewöhnlichen Schönheit.43 Er war der zweite Sohn von Gunzelin VI., der zuvor die Grafschaft Wittenburg seines Vaters geerbt hatte, diese nun jedoch wie üblich an die Nebenlinie weitergab, die erneut durch seinen Halbonkel vertreten wurde. So wurde Nikolaus II. 1345 auch Graf zu Wittenburg, nachdem er nach dem Tod seines Vaters zuvor Boizenburg, Crivitz und Selesen erhalten hatte. Am 2. Juni 1345 erneuerte er seinen Erbfolgevertrag mit den Herzögen, der nun auch Wittenburg einschloss.

Gunzelins ältester Sohn, Nikolaus III., hatte über seine Mutter die Grafschaft Tecklenburg bei Münster in Westfalen geerbt, da die ‚alten‘ Tecklenburgs in männlicher Linie ausgestorben waren. Es muss ein sehr wertvolles Lehen gewesen sein, dass er ihm Vorrang gegenüber seinem natürlichen Anspruch auf Wittenburg gab, wenn die Ereignisse einen anderen Verlauf genommen hätten.

Wo ist in all dem unser angeblich unreifer und stark herausgeforderter Graf Nikolaus II. geblieben? Vier Jahre später heiratete er schließlich, starb jedoch im selben Jahr noch, 1349, und ohne Erben. Der Neffe von Nikolaus II, nun Graf von Schwerin als Otto I., wäre naturgemäß Nikolaus‘ rechtmäßiger Erbe gewesen, doch aus welchem Grund auch immer, er wurde im April 1347 ebenfalls Teil der Vereinbarung von Nikolaus II. mit den Herzögen.44 Er trat in Kraft, wenn er ohne männliche Erben sterben würde, wodurch die Erbfolgerechte seiner nächsten Verwandten weiter geschwächt und letztlich für ihre Interessen tödlich waren. Albrecht II., Herzog von Mecklenburg, war dafür bekannt, seine eigenen Interessen in allen Angelegenheiten energisch zu verfolgen und machte auch hier keine Ausnahme, insbesondere angesichts der strategischen Bedeutung der Grafschaft Schwerin für das Herzogtum.

Kurz nach dem Tod von Graf Nikolaus II. wurde der Druck erhöht. Seine Witwe Elisabeth, offenbar von ihrem Vater überredet, soll den Herzögen die Ländereien und die Stadt Crivitz sowie weitere persönliche Vermächtnisse, die sie durch ihre Ehe erhalten hatte, verkauft haben und sie zu ihren Treuhändern gemacht haben.45 Anschließend wurde sie Nonne und später Äbtissin, was eine der wenigen Möglichkeiten war, die adligen Witwen und Erbinnen im Mittelalter offenstanden.

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Erbfolge- und Erbschaftskriege

Herzog Albrecht erhob nun Anspruch auf Wittenburg und Boizenburg, was Graf Nikolaus III. von Tecklenburg und Graf Otto I. von Schwerin vehement ablehnten. Vielleicht erkannte Otto verspätet die berechnende und habgierige Natur von Herzog Albrechts Ambitionen. 1350 kam es zum Krieg. Die Truppen des Herzogs, verstärkt durch die von Herzog Erich II. von Sachsen-Lauenburg, besetzten Wittenburg und Boizenburg, wobei Wittenburg laut einigen Quellen erhebliche Brandschäden erlitt. Auch Schwerin wurde belagert, während dessen Otto Gefangener des Herzogs wurde. Ein Jahr später wurde er nach Friedensschluss freigelassen, doch die von Herzog Albrecht auferlegten Bedingungen verlangten, dass Graf Ottos I’s einzige Tochter, Richardis46, mit dem zweiten Sohn des Herzogs, ebenfalls Albrecht genannt, verlobt werden sollte. Sie war damals 5 Jahre alt, der Bräutigam 12, also musste die Ehe weitere 13 Jahre warten. Dennoch sah der Vertrag eine beträchtliche Mitgift vor, die in die Kasse des Herzogs eingezahlt und die Stadt sowie die Verpfändung der Ländereien von Boizenburg, bis die Summe vollständig bezahlt war.47

Nebenbei, aber dennoch relevant für die Einschätzung seiner Ambitionen und Rücksichtslosigkeit, manövrierte Herzog Albrecht II.48, der mit einer schwedischen Prinzessin verheiratet war, diesen Sohn Albrecht später zum König von Schweden – oder vielleicht besser gesagt, er usurpierte durch seinen Sohn die schwedische Krone. Dieser einzige Vorstoß des Hauses Mecklenburg nach Skandinavien war jedoch nicht von einer glücklichen Herrschaft geprägt. Albrecht wurde 1389 gestürzt und anschließend sechs Jahre lang inhaftiert, bis Frieden geschlossen wurde. Er war nie mehr als ein Marionettenkönig, der seinem Vater ausgeliefert war. Schließlich kehrte er in seine Heimat zurück, verzichtete dann auf die schwedische Krone und regierte bis zum Lebensende als Herzog Albrecht III. von Mecklenburg-Schwerin49. Seine erste Frau Richardis starb als junge Königin in Stockholm.

Aber zurück zu Schwerin-Wittenburg: Als Otto I., Graf von Schwerin, 1356 ohne männlichen Erben starb, erneuerte der unerbittliche Albrecht II. seinen Anspruch auf die gesamte Grafschaft Schwerin gemäß dem Erbfolgevertrag, und um diesem zusätzliche Legitimität zu verleihen, ließ er das Recht Mecklenburgs auf dieses Lehen von dessen Oberherrn bestätigen, seinem mütterlichen Onkel, dem Kurfürsten von Sachsen-Wittenberg, den Ort, den wir im Kapitel über Lutherstadt Wittenberg behandeln werden. Ottos älterer Bruder, Nikolaus III., Graf von Tecklenburg, der sich nun ebenfalls Graf von Schwerin nannte, sowie dessen Sohn Otto II. wollten davon nichts wissen. Das Ergebnis war erneut Krieg und viel Leid der lokalen Bevölkerung durch Herzog Albrechts Einsatz von “räuberischen Söldnerscharen,”, wie von Vitense beschrieben. Der Widerstand soll heftig gewesen sein. Die Tecklenburgs kämpften jedoch nicht allein gegen die Mecklenburgs. Diesmal stand Erich II. von Sachsen-Lauenburg auf ihrer Seite und ebenso der dänische König Waldemar Atterdag, natürlich um ihre eigenen geopolitischen Ambitionen voranzutreiben. Die Grafschaft wurde dennoch in vielen Teilen erneut von plündernden Truppen verwüstet. Schwerin selbst wurde im April 1358 erneut belagert. Der entschlossene Widerstand der Verteidiger war jedoch nicht umsonst. Eine völlig verwüstete Grafschaft Schwerin lag ebenfalls nicht im Interesse von Herzog Albrecht. Nachdem Erik II. und Waldemar Atterdag im Herbst 1358 Frieden mit Albrecht II. geschlossen hatten, traten die Tecklenburger Grafen am 1. Dezember desselben Jahres bei.50

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Das Ende der Grafschaft

Die von beiden Seiten akzeptierten Friedensbedingungen bestimmten, dass die Tecklenburger die Erbrechte auf Grevesmühlen, Boizenburg und Crivitz behalten sollten, die Mecklenburger die für Schwerin, Wittenburg und wahrscheinlich für den Rest der Grafschaft. Nachdem die Friedensrituale kaum nachgelassen hatten, schlugen die Tecklenburger Grafen in der folgenden Woche vor, auf alle Ansprüche zu verzichten, sollte das Herzogtum Mecklenburg bereit sein, die gesamte Grafschaft Schwerin zu kaufen. Der Kaufvertrag wurde am 7. Dezember 1358 in Plüschow besiegelt und sah einen Kaufpreis von 20.000 Mark Silber einschließlich der Übernahme aller Schulden vor, und dass dieser in vier gleichen Raten an die Grafen von Tecklenburg zu zahlen wäre.51

Kam dieses Geschäft aufgrund von zusätzlichem Druck zustande, oder folgte es einer nüchternen Neubewertung von Seiten der Tecklenburger über deren Schulden und finanziellen Fähigkeiten? Wahrscheinlich wird dies niemand jemals erfahren, aber eines ist sicher: Das alte Familienlehen, das mit der Belehnung durch Herzog Heinrich dem Löwen von Sachsen im Jahr 1161 an ihren direkten männlichen Vorfahren, Gunzelin von Hagen, begann, war nicht mehr im Besitz des Hauses Hagen. Die Familie Hagen war im Wesentlichen wieder dort, wo sie 200 Jahre zuvor begann, im altsächsischen Westfalen. Das Haus Mecklenburg erhielt das einstige Herrschaftsgebiet ihres Vorfahren, Niklot I., des Fürsten der Obotriter/Polaber, zurück. Wittenburg, das in gewisser Hinsicht immer Schwerin untergeordnet war, hörte auf als eigenständige Grafschaft zu existieren und wurde zusammen mit Schwerin am 31. März 1359 den herzoglichen Gütern zugeordnet, wo es bis zum Ende der Monarchie in 1918 verblieb. Die Herzöge verlegten kurz nach dem Kauf ihre Residenz von Wismar nach Schwerin und waren danach als Herzöge von Mecklenburg-Schwerin bekannt.

Professor Schlie, Direktor des Mecklenburgischen Kulturerbemuseums um die Wende des 19. Jahrhunderts, meinte, dass das ‚Zeitalter der Grafen‘, als Wittenburg eine gräfliche Residenz war, als ihr ‚Goldenes Zeitalter‘ im Mittelalter gesehen werden könne52. Er erwähnt die beeindruckenden Überreste der Stadtmauern und andere architektonische Zeugnisse jener Zeit, den Bau der spätromanischen St. Bartholomäus Kirche53 im Jahr 1240, die Tatsache, dass die Stadt ihr eigenes Geld hatte und alles, was daraus entstanden sein könnte. Vielleicht sollten wir diese Zeit etwas weiter zurückverfolgen, zum Punkt, als Wittenburg den Status einer freien Stadt erlangt und durch die starke Hand des ersten Grafen Heinrich von Schwerin geschützt wurde. Er und seine Frau, Audacia von Zlawin, Tochter eines slawischen Fürsten in Ostpommern, brachten der Grafschaft Stabilität und Wohlstand. Gräfin Audacia54 ist als bemerkenswerte und einflussreiche Persönlichkeit verzeichnet, indem sie zunächst versuchte, die Interessen ihres Mannes während seines Kreuzzugs zu schützen, und später durch zahlreiche andere Projekte führte, als sie bereits verwitwet war, wie etwa die Gründung der Abtei Zarrentin am Ufer des nahegelegenen Schaalsees im Jahr 1246. Ihr Sohn Gunzelin III. trat in die Fußstapfen seiner Eltern, ebenso wie seine Vorliebe für die Abtei und das Nonnenkloster von Zarrentin. Elisabeth, die erste Ehefrau von Graf Nikolaus I. zu Wittenburg, ist dort begraben, und drei seiner Töchter traten dort als Nonnen ein, wobei die Älteste schließlich dessen Äbtissin wurde. Leider hielten die von Heinrich I. und seinem Sohn Gunzelin III. erreichte Stabilität und Frieden nicht lange an. Die Teilung der Grafschaft im Jahr 1282 und die anschließende familiären Streitigkeiten führten letztlich zum Krieg und zum Verlust der Grafschaft für das Haus Hagen.

Es ist jedoch erwähnenswert, dass das angeblich goldene ‚Zeitalter der Grafen‘ auch die ‚Große Hungersnot‘ umfasste55, die Zeit von 1311 bis 1317, deren Nachwirkungen bis weit in die späten zwanziger Jahre des 14. Jahrhunderts spürbar waren. Sie markierte nicht nur das Ende der relativ blühende Mittelalterliche Warmzeit, sondern auch den Beginn der Kleinen Eiszeit – Klimawandel in moderner Terminologie. Die Große Hungersnot forderte in diesen Jahren einen enormen Tribut von der Bevölkerung Europas nördlich der Alpen, von den Britischen Inseln bis nach Russland. Darauf folgte 1338 eine Heuschreckenplage und 1342 eine „einmal im Jahrhundert auftretende Flut“. Als ob das nicht schon Herausforderung genug wäre, um sich davon zu erholen, war 1346 das Jahr, in dem die Pest, der ‚Schwarze Tod‘,56 die Menschen Europas erfasste und dahinraffte. Sie erreichte Mecklenburg um 1350 und soll allein in Wismar 2000 Einwohner getötet haben, aus einer Bevölkerung von nicht viel mehr als 5000. Wenn Wismar einen so verheerenden Verlust erlitten hatte, müssen wir annehmen, dass die Grafschaften Schwerin und Wittenburg nicht viel besser dastanden. Neben dieser Katastrophe gab es die Kriege von 1351 und 1358, die von den lokalen Feudalherren um die Kontrolle über diese Gebiete geführt wurden. Trotz allem mussten die Menschen in Städten und Dörfern es still und so gut wie möglich ertragen. Das Land und die Tiere mussten gehütet und gefüttert, die Ernte eingebracht werden, Händler kauften und verkauften, Brot wurde gebacken, Schneider schnitten Stoff und nähten, und das Familienleben ging irgendwie weiter. Wahrscheinlich waren einige, egal ob Einzelpersonen oder Familien, in diesen unruhigen Zeiten so entwurzelt geworden, dass sie endgültig ihr einstiges Zuhause verlassen hatten. Auf ihrer Wanderung an einen neuen Ort haben manche vielleicht ‚van Wittenburch, -borg, -borch, burg‘ oder Ähnliches zu ihrem Vornamen hinzugefügt, um ihre Herkunft zu kennzeichnen. Es war die Anfangszeit des dauerhaften Familiennamens.

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Der juristische Streit

Beendete die Beilegung der Erbfolgekriege und der Verkauf der Grafschaft im Jahr 1358 endgültig die Fehde zwischen den beiden kriegführenden Parteien? Nein – nicht für weitere 350 Jahre! Glücklicherweise wurde der Kampf von da an nicht mehr mit tödlichen Waffen geführt, sondern mit Armeen von Anwälten, die Vorträge vor verschiedenen Kanzleien und Gerichten hielten und schließlich sogar die Gedanken des ersten Preußenkönigs, Friedrich I., beschäftigten.

Der Grund dazu bestand darin, dass der Herzog von Mecklenburg mit den letzten zwei Ratenzahlungen des Kaufs der Grafschaft Schwerin in Verzug geraten war. Die Grafen von Tecklenburg klagten verständlicherweise wegen Vertragsbruchs und versuchten, ihr Pfand Boizenburg zu behalten und zu monetarisieren. Der Herzog betrachtete dies wiederum als ein Bruch des guten Willens und beschlagnahmte die Stadt und ihr Land, da die Grafen nichts dagegen unternehmen konnten. Von da an gingen die juristischen Argumente über Jahre, dann Jahrzehnte und schließlich Jahrhunderte hin und her, wobei der Fall nun die gesamte Grafschaft betraf57. Schließlich wurde es zu einer generationenübergreifenden Obsession und zog sich hin, obwohl die männliche Linie der Tecklenburgs inzwischen ausgestorben war und Streitigkeiten über andere Erbrechte ihre Nachkommen zunehmend trennten. Nach einem langen und verschlungenen Weg voller Intrigen und Verrat, fiel das Eigentum des ‘Rechtsfalls gegen die Herzöge von Mecklenburg’ 1705 schließlich an den König von Preußen. Er erinnerte den regierenden Herzog natürlich an dieses Thema, aber nachdem er ebenso natürlich auf Widerstand gestoßen war und eine gründliche rechtliche Neubewertung durchgeführt hatte, ließ er es ruhen. Preußen hatte größere Fische zu fangen. Dennoch nutzte laut H. Saring selbst der königliche Enkel, Friedrich der Große, Preußens Verzicht auf seine Rechte an der Grafschaft als Druckmittel in einem Vertrag mit dem Herzogtum im Jahr 1752 – ganze 400 Jahre nach dem ersten Erbfolgekrieg über die Grafschaft Schwerin-Wittenburg. Dies muss zweifellos einer der längsten Prozesse und hartnäckigsten Ansprüche der Welt sein!

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Ein Ort für verwitwete Herzoginnen.

Nach dem Erwerb von Wittenburg durch die Herzöge von Mecklenburg verlor es an Status, da es nicht mehr Residenzstadt des unmittelbaren Herrschers war. Es wurde zu einer Vasallenschaft. Die Stadt wurde von 1368 bis 1370 kurzzeitig Lübeck verpfändet, vermutlich um Albrecht II’s Abenteuer in Skandinavien zu finanzieren, mit denen auch die Stadt Lübeck als Königin der Hanse ein wichtiges Interesse teilte. Danach wurden herzogliche Vasallen eingesetzt, darunter die Plessen und die Bülows, dann die Lützows. Schlie beschreibt Letztere in seiner ‚Geschichte der Stadt Wittenburg‘ als ‚die fehde und beutelustigsten Ritter in Mecklenburg’, die naturgemäß Vergeltungsmaßnahmen aus dem benachbarten Gebiet Lauenburg hervorrief‘. Er erwähnt außerdem, dass einer der Lützows nach einem Überfall 1483 von der Stadt Lübeck gefangen wurde und nur durch die guten Dienste seiner herzoglichen Oberherren sein Leben retten konnte58.

Schlie berichtet weiter, dass Wittenburg von der Zeit an, als es Teil des Herzogtums Mecklenburg geworden war, zunehmend mit seinen Herzoginnen in Verbindung gebracht wurde. Stadt und Land wurden deren Besitz auf Lebenszeit und die Burg ihr Witwensitz. Das bedeutete nicht, dass sie als Witwen zwangsläufig in der Burg leben und dort Hof halten mussten, sondern einfach dass sie davon Einnahmen erhielten und auch das Recht zur Verpfändung hatten. Mehrere von ihnen interessierten sich besonders für die Angelegenheiten ihres Anwesens. Aus unserer zeitgenössischen Perspektive mag es seltsam erscheinen, dass ‚Witwensitz‘ und ‚gierige Vasallen‘ Hand in Hand gehen konnten, aber wie im Kapitel über die andere Burg Wittenburg, die bei Elze in Niedersachsen, verwalteten feudale Vasallen und Vögte solche Güter lediglich, anstatt sie zu besitzen. Der Oberherr, ob ein hierarchisch höher gestellter Adelsherr oder die Kirche, erhielt einen festen Betrag oder einen Anteil der Einnahmen und war weitgehend abwesend vom alltäglichen Geschäft. Die Lützows lebten nur kurze Zeit in der Burg, bevor sie zum Witwensitz der Mecklenburger wurde, behielten jedoch ihre Vasallschaft über das Land Wittenburg und blieben laut Schlies Bericht die mächtigsten Vasallen der Region.

Die erste Herzogin, die zur Besitzerin von Wittenburg wurde, war die geborene Herzogin Elisabeth von Braunschweig-Lüneburg, die Witwe von Herzog Albrecht III. Wittenburg wurde somit auch Teil des Besitzes einer Königin – zumindest im Titel – Agnes, der zweiten Gemahlin und Witwe des ehemaligen schwedischen Königs, der bis zu seinem Tod in 1410 als Herzog Albrecht III in Mecklenburg regierte. Ihr folgten die Herzoginnen Margarethe von Brandenburg, die erst 13 Jahre alt war, als sie durch Heirat mit Albrecht V. Herzogin von Mecklenburg wurde, und anschließend Katharina von Sachsen-Lauenburg, Witwe von Herzog Johann IV., der bis zu dessen Tod 1422 Mitregent mit seinem Vetter Albrecht V. war. Beide Herzöge starben innerhalb eines Jahres nacheinander. Ihr Hauptvermächtnis ist, dass sie 1419 Mitbegründer der Universität Rostock waren. Die verwitwete Herzogin Katharina regierte dann als Regentin für den Erben, den sechsjährigen Herzog Heinrich IV., bis er 1436 volljährig wurde. In Erwartung von Heinrichs Heirat, übertrug sie Stadt und Land Wittenburg, einschließlich zahlreicher Dörfer, ihrer zukünftigen Schwiegertochter Dorothea von Brandenburg. Nach Heinrichs Tod 1477 und acht Jahren Wittum, möglicherweise in Wittenburg, verbrachte Herzogin Dorothea den Rest ihres Lebens im Kloster Rehna, wo sie 1491 starb.59

Herzog Heinrich IV. soll die Burg häufig zu seiner vorübergehenden Residenz gemacht und allerhand offizielle Geschäften in der Burg erledigt haben, vermutlich auch, als die beiden wichtigen Güter Wolde und Putzelin Mitte des 15. Jahrhunderts der Stadt Wittenburg hinzugefügt wurden. Heinrichs Spitzname war ‚Der Fette‘, und diese Bezeichnung erhielt er durch seine spätere Fülle, die wiederum auf den immer luxuriöseren Lebensstil zurückgeführt wird, den er angeblich geführt haben soll.

Die nächste Herzogin, die wahrscheinlich ebenfalls eine Verbindung zu Wittenburg hatte, war Sophie von Pommern.60 Sie wurde die Gemahlin von Herzog Magnus II im Jahr 1478 nach dem Tod ihres Verlobten Johann, der Magnus‘ Bruder war und vier Jahre zuvor während einer Auslandsreise an der Pest erkrankte und darauf starb. Magnus hatte eine große Aufgabe vor sich, sobald er Herrscher des Herzogtums wurde: Das Vermächtnis seines Vaters durch dessem verschwenderische Lebensweise und Ausgaben hatten die herzoglichen Finanzen ins Chaos geworfen, Die angehäuften Schulden bewegten sich in beängstigenden Größen und Korruption unter den Beamten waren weit verbreitet.61 Magnus soll ehrgeizig und energisch gewesen sein. Während seiner Herrschaft gab es sogar einen Plan, die Ostsee und die Nordsee über einen Kanal über den Schweriner See und die Elbe zu verbinden. Das Projekt musste jedoch mangels finanzieller Mittel aufgegeben werden. Herzog Magnus II starb 1503 und Herzogin Sophie ein Jahr nach ihm. Anna von Brandenburg übernahm ihren Platz als Gemahlin von Albrecht VII, dem Schönen. Sie erhielt Crivitz und Lübz als Mitgift und machte letzteres nach dem Tod ihres Mannes 1547 zu ihrem Sitz.62 Es setzte einen Präzedenzfall für zukünftige Herzoginnen. Wir wissen von Lisch, dass Wittenburg von einer anderen Herzogin von Mecklenburg behütet wurde, nachdem sie Witwe geworden war. Dies war Anna Sophia von Preußen,63 Gemahlin von Herzog Johann Albrecht I. Er war das, was eine spätere Zeit als aufgeklärten Herrscher beschrieben hätte. Er führte das Herzogtum vorsichtig, aber entschlossen durch die Nachwirkungen der Reformation. Seine Witwe war nicht weniger entschlossen, als sie zum Beispiel die Interessen ihrer Stadt Wittenburg energisch über die einer Vasallenfamilie stellte, nachdem der Bürgermeister und Rat sich bei ihr über deren Sorgfaltslosigkeit beschwerten, weil sie notwendige Reparaturen an der Kirche nicht durchgeführt hatten, für die sie verantwortlich waren. Es wurde gesagt, dass die Intervention der Herzogin rasch die gewünschten Ergebnisse erzielt hatte.64

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Sophie, die Herzogin, die sich trotz Widrigkeiten auszeichnete.

Nach dem Tod von Anna Sophia im Jahr 1591 übernahm eine weitere Herzogin – Sophie von Holstein-Gottorp – ihren Schutzmantel65. Ihr Ehemann, Herzog Johann VII., mit dem sie 1588 im Alter von 19 Jahren verheiratet wurde, war gutmeinend, aber schwach. Das Herzogtum, für das er nach seiner Volljährigkeit 1585 verantwortlich wurde, war hoch verschuldet, von korrupten Beamten geführt, und sein Onkel Herzog Christoph belästigte ihn ständig mit verschiedenen Ansprüchen. Herzogin Sophie war die Frau eines verarmten und geistig instabilen Herzogs und fühlte sich manchmal sogar gezwungen, ihre Mutter für normale Dinge, die einer Herzogin angemessen waren, um finanzielle Hilfe zu bitten. Wahrscheinlich an schweren Depression leidend, wurden die Führungslast und die Intrigen des korrupten Hofes für den armen Herzog Johann schließlich zu viel, und im Frühjahr 1592, im Alter von 34 Jahren, wählte er den Freitod. Er hinterließ seine sehr junge Frau mit drei kleinen Kindern und ein nahezu bankrottes Herzogtum.

Die Tatsache, dass Herzog Johann durch seine eigene Hand starb, verursachte überdies eine sehr hässliche Nachwirkung: Selbstmord galt damals als Sünde und machte den Verstorbenen ungeeignet für ein christliches Begräbnis, es musste somit verborgen bleiben. Dies geschah, indem mehrere Frauen aus Schwerin, die wahrscheinlich ohnehin leichte Ziele für die Behörden gewesen waren, beschuldigt wurden, den Herzog durch Hexerei getötet zu haben, und eine von ihnen wurde nach einem oberflächlichen Prozess auf dem Scheiterhaufen verbrannt.66 Hexenprozesse waren im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation im 16. und 17. Jahrhundert keine Seltenheit, aber aus verschiedenen Gründen besonders umfangreich in Mecklenburg. Wittenburg bildete da keine Ausnahme: Im zweihundertjährigen Zeitraum von 1573 bis 1773 fanden auf dem heute die Stadt umfassenden Gebiet 44 Hexenprozesse statt, die nach üblicher Folter zur Erlangung eines ‚Geständnisses‘, die in einigen Fällen bereits zum Tod führten, mit 19 Hinrichtungen endeten, meist durch Verbrennen auf dem Scheiterhaufen, davon die letzte im Jahr 1693. Zu sagen, dass alle Anschuldigungen auf Aberglauben beruhten, oft kombiniert mit persönlichem Groll, ist nur das Offensichtliche zu erwähnen, aber selbst damals schien es glücklicherweise Grenzen gegeben zu haben: Eine der angeklagten Frauen, die nur als ‚Ehefrau von Heiner Prallstorf‘ genannt wurde, hatte das Glück, 1604 durch persönliches Eingreifen von Herzogin Sophie mit einer Warnung freigelassen zu werden. Die Unregelmäßigkeiten und Machenschaften in ihrem Prozess waren einfach zu offensichtlich, um sie zu ignorieren!67

Herzogin Sophie benötigte all ihren Witz und Einfallsreichtum, um ihre langen Jahre als Witwe zu bewältigen. In der Zwischenzeit wurde die Regentschaft von Herzog Ulrich von Mecklenburg-Güstrow, einem weiteren Onkel ihrer Kinder, ausgeübt. Er regierte in einem anderen Teil Mecklenburgs, der das Ergebnis einer Teilung war, ähnlich jener in einem vorherigen Kapitel diskutierten Teilungen unter den alten Grafen von Schwerin. Weitere informelle Teilungen fanden dann innerhalb jedes Herzogtums selbst statt, indem spezifische Appanagen und Interessen zugewiesen wurden. Die Primogenitur hatte sich noch nicht etabliert. Dies bot natürlich viel Material für familiäre Streitigkeiten, die den Konflikt zwischen Herzog Johann VII. und einem weiteren seiner Onkeln, Herzog Christoph, hervorbrachten.

Beide hatten schon das Zeitliche gesegnet, als Herzogin Sophie ihre schwierige Last übernehmen musste. Herzog Ulrich, ihr fähiger und wohlwollender Mentor, war so sehr mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, dass er wenig Zeit für die Ländereien seiner Neffen aufwenden konnte. Dies führte leider dazu, dass die Verwaltung derselben in die Hände zweier besonders skrupelloser und selbstbereichernder Verwalter fiel. Herzogin Sophie, die von ihnen praktisch aus der Hauptstadt Schwerin verbannt worden war, ging nach Lübz, wo sie sich auf die Pflege ihrer persönlichen Lehen Lübz, Rehna und Wittenburg konzentrierte. Sie war jedoch nicht einmal dort sicher von ständiger Belästigung durch die beiden. Irgenwann stellten sie sogar ihr Recht auf ihren Witwenbesitz infrage. Die Korruption und Veruntreuung verschärften sich sogar nach dem Tod Herzog Ulrichs im Jahr 1603, da sein Nachfolger – auch schon alt, und ihn nur sieben Jahre überlebend – seine Politik fortsetzte, die Aufmerksamkeit vor allem auf Mecklenburg-Güstrow zu richten. Er bat Herzogin Sophie höflich, nach Schwerin zu ziehen und, soweit einer Frau möglich, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern, So begann ihre Regentschaft, die bis zur Volljährigkeit ihres ältesten Sohnes, Adolf Friedrich, im Jahr 1608 andauerte.

Sie erwies sich als der Aufgabe gewachsen und zeigte zunächst eine strenge Hand bei der Beseitigung der schlimmsten Missstände durch Beamte und verbesserte dann allmählich die Angelegenheiten des Herzogtums, ähnlich wie sie es bereits in Wittenburg, Rehna und Lübz erreicht hatte. Sie verbesserte nicht nur die landwirtschaftlichen Methoden, sondern ließ auch Eisenwerke errichten, um die umfangreichen Mooreisenvorkommen der Region zu schmelzen. Laut Prof. Schlies’ Kommentar von 1899 tat sie dies „mit einer für eine Frau ganz ungewöhnlichen Tatkraft und Energie“.68 Wahrscheinlich war dies noch ungewöhnlicher fast dreihundert Jahre zuvor und zeigte die Entschlossenheit der Herzogin, das Blatt zu wenden! Sie hielt sich zwischen 1614 und 1624 mehrfach in Wittenburg auf, um den Fortschritt der Arbeiten zu überwachen, und zweifellos profitierten sowohl die Stadtbewohner als auch die Landbewohner von ihrem Fleiß. Es ist bedauerlich, dass diese kluge Bewirtschaftung, das Herzogtum wieder auf eine solidere finanzielle Grundlage zu bringen, fast unmittelbar nach der Übernahme des jungen Herzogs Adolf Friedrich gegen sie verwendet wurde. Die Söhne der Herzogin Sophie waren begeisterte Zuhörer von Hofklatsch und Verleumdungen, und Herzogin Sophie hatte sich natürlicherweise durch Ihre Tätigkeit Feinde gemacht. Ihre Söhne und deren Verbündeten warfen ihr Mismanagement vor, und sogar die Ressourcen des Herzogtums zum Vorteil ihrer Wittumsgüter verwendet zu haben, was auch der Grund sei, weshalb keine Mittel für anderes zur Verfügung ständen. Adolf Friedrich begann wieder Geld aufzunehmen, sobald die Kreditwürdigkeit des Herzogtums wiederhergestellt war und gefährdete damit vieles von dem, was bisher erreicht worden war. Jedenfalls blieben sich Mutter und Söhne jahrelang entfremdet, und es muss für sie schwer gewesen sein, da sie alles in ihrer Macht stehende tat, um nicht nur das Erbe ihrer Söhne zusammenzuhalten, sondern es sogar zu verbessern. Es ist hier auch zu erwähnen, dass ihre Macht als Regentin erhebliche Einschränkungen hatte, was ihre Leistung noch mehr hervorheben sollte69.

Herzogin Sophie hatte noch eine weitere Rolle zu erfüllen, nämlich die der Beschützerin von Wittenburg in den frühen Jahren des Dreißigjährigen Krieges in den zwanziger Jahren des 17. Jahrhunderts. Ihre Söhne waren inzwischen geflohen, vom Kaiser des Hochverrats beschuldigt und verleugnet. Der ernannte neue Herrscher von Mecklenburg, Militärkommandant Albrecht von Wallenstein70, muss die Herzogin respektiert haben, denn er ließ sie in Ruhe und hielt sich weitgehend an die von ihr ausgestellten Schutzbriefe. Sie starb 1634 in Schwerin und damit verschwand ihr Schutzschild. Die Ereignisse sollten für Wittenburg nur sieben Jahre später eine schreckliche Wendung nehmen, doch bevor wir uns damit befassen, müssen wir zu dem Ereignis zurückkehren, das etwas mehr als hundert Jahre zuvor 260 km südlich in Wittenberg stattgefunden hatte.

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Die Reformation

1517 war einer jener Wendepunkte in der Geschichte, nachdem Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Kirche genagelt haben soll; nur konnte damals noch niemand die weitreichenden Folgen seiner Forderungen erkennen.

Im Gegensatz zu anderen Teilen Europas war die Reformation in Mecklenburg eine relativ friedliche Angelegenheit. Die beiden regierenden Herzöge, Heinrich V. ‚Der Friedfertige‘ in Schwerin und Albrecht VII., ‚Der Schöne‘ in Güstrow, zeigten trotz der Tatsache, dass sie die neue Lehre nicht vollständig annahmen, insbesondere Albrecht, der sein Leben lang katholisch blieb, ihr gegenüber eine gewisse Toleranz. Mehrere Gründe förderten diesen relativ ruhigen Umgang mit dieser neuen Lehre. Sie fand schnell Akzeptanz an der Universität Rostock, die bereits zuvor durch Konrad Pegel, dem Hauslehrer von Herzog Heinrichs Sohn Magnus, humanistische Ideen erforschte. Der Herzog erlaubte Pegel sogar, nach Wittenberg zu reisen, um mehr über Luthers Lehre zu erfahren. Eine weitere wichtige Persönlichkeit für die Reformation in Mecklenburg war Joachim Slüter71, ein Priester aus Rostock mit engen Verbindungen zur Universität. Herzog Heinrich erhielt die Ergänzung ‚Der Friedlfertige‘ zu seinem Namen, indem er klugerweise Allianzen vermied, die ihn in Religionskriege verwickeln könnten.

Herzog Albrechts Motivation für Toleranz beruhte eher auf Geopolitik und Finanzen. Die Zeit schien ihm günstig, zusammen mit der Hanseatischen Liga die Kontrolle über Dänemark und Schweden wiederherzustellen, den Traum, der seinem Vorfahren Albrecht III. entgangen war. Angesichts solcher Ambitionen und der Realität einer leeren Schatzkammer würde die Beschäftigung mit kirchlichen Angelegenheiten nicht hoch auf seiner Prioritätenliste gestanden haben. Unglücklicherweise für ihn, brachten diese hohen Ziele wiederum nichts, und ließen seine Schatzkammer danach noch schlechter dastehen.72

Ein weiterer Faktor für die relativ reibungslose Einführung der Reformation in diesen Gebieten könnte auch ihre geografische Lage am nördlichen Rand des Heiligen Römischen Reiches gewesen sein. West- und Mitteleuropa standen damals im Mittelpunkt. Dies war auch der Beginn der etwas einzigartigen ‚Staatskirchen‘, mit ihrer Mischung aus Luthertum und calvinistischem Pietismus in den Herzogtümern, insbesondere während der Herrschaft von Herzog Johann Albrecht I., unter dem die Herzogtümer Mecklenburg-Schwerin und -Güstrow wieder vereint wurden.

Was die Reformation in Wittenburg anbetrifft, so führt Schlie Heinrich Horstmann als Priester während der monumentalen Ereignisse von 1498 bis 1536 auf, gefolgt von einem Johann Stampe zwischen 1554 und 1560. In der Regel Ruhe. Da es keine gegenteiligen Beweise gibt, können wir annehmen, dass das, was im gesamten Herzogtum geschah auch für Wittenburg der Fall war.

Die Zeit der Reformation war nicht nur eine Bewertung religiöser Lehren und kirchlicher Strukturen, sondern auch derer der Herzogtümer selbst. Während der Uradel schon lange lose durch ihre “Ritterschaften“ vereint war, entstand im Jahr 1523 der erste Rat der Stände, der nun neben dem Adligen auch Prälaten und Vertreter der Städte umfasste.73 Sie verpflichteten sich, sich gegenseitig für immer zu beraten, zu unterstützen und zu entschädigen sowie Frieden, Gerechtigkeit und Einheit untereinander zu wahren. Offensichtlich war dies nicht etwas, das die Herzöge mit Wohlwollen betrachteten, da es einem Verlust der Kontrolle ihrer absolutistischen Macht gleichkam, und sich in etwa zweihundert Jahren in spektakulärer Weise zeigen sollte. Diese Machtverschiebung soll später ein Hauptgrund dafür gewesen sein, dass das Herzogtum rückständig blieb und anderen deutschen Regionen hinterherhinkte.

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Der Dreißigjährige Krieg und andere Katastrophen

Obwohl es keineswegs eine friedliche Zeit war, wenn nur alles so geblieben wäre wie im 16. und frühen 17. Jahrhundert, dann wäre die Zeiten nicht viel anders als früher gewesen, aber es sollte nicht sein: Der Geist der Reformation und damit die Gegenreformation prägten weiterhin die Angelegenheiten des Reiches. Unheilvolle Wolken zogen 1618 am Horizont zusammen mit dem ‘Prager Fenstersturz’, dem Wurf aus dem Fenster von den kaiserlichen Vertretern an einer Sitzung im weit entferntem Prag und Gerüchten über einen Krieg in Böhmen. Da der Konflikt religiös bedingt war und innerhalb des Heiligen Römischen Reiches stattfand, zu dem auch Mecklenburg gehörte, konnte er für das Herzogtum nicht unbedeutend sein. Mecklenburg und andere in Norddeutschland bekannten sich zwar zur bewaffneten Neutralität, doch die Feindseligkeiten dehnten sich nach einer Reihe schwerer Niederlagen protestantischer Armeen gegen katholische kaiserliche Truppen nach Norden aus. Mecklenburg trat 1625 einem nördlichen Verteidigungsbund unter der Führung des ehrgeizigen dänischen Königs Christian IV. bei, einem erklärten Feind des katholischen Heiligen Römischen Kaisers Ferdinand II. Letzterer betrachtete dies als Hochverrat seiner Vasallen, den Herzögen von Mecklenburg. Das Herzogtum wurde bald zu einem Kriegsschauplatz und erlitt großes Leid, da es 1626 von undisziplinierten und plündernden dänischen Truppen auf deren Rückzug überrannt wurde.

Die Tatsache, dass die Herzöge versucht hatten, sich aus dem Verteidigungsbund nach den kontinuierlichen Misserfolgen der Dänen zu befreien, hatte viel mit den Plünderungen zu tun, die Südwestmecklenburg, einschließlich Wittenburg erleiden musste. Der Wechsel sollte beim Kaiser erneut Gunst einschmeicheln, doch es genügte nicht. Nach der Vertreibung der Dänen durch kaiserliche Truppen wurden die Herzöge vom Kaiser abgesetzt und der Furcht einflössende militärischer Führer Albrecht von Wallenstein 1628 als Herzog von Mecklenburg eingesetzt. Seine Amtszeit war insgesamt vorteilhaft, da er ein Reformer war und, wie schon erwähnt, in der Witwe Herzogin Sophie eine Frau von beträchtlicher Fähigkeit und Energie anerkannte, und sie mit der Verwaltung ihrer Güter Wittenburg, Lübz und Rehna alleine ließ. Wallensteins Herrschaft war jedoch von kurzer Dauer, da sein Erfolg sowohl als General als auch als Verwalter, ganz zu schweigen von der Macht, die er durch seine Söldnerarmee ausübte, bei den Kurfürsten des Reiches Besorgnis auslöste. Sie sahen in Wallenstein einen gefährlichen Arrivisten und schafften es, auf dem Reichstag in Regensburg im Sommer 1630 seine Entlassung zu bewerkstelligen und später wurde er ermordet.

Das daraus resultierende Machtvakuum wurde in Mecklenburg bald wieder gefüllt, diesmal schwang das Pendel mit dem Eintreffen schwedischer Truppen wieder auf die lutherische/protestantische Seite zurück. Die Intervention von König Gustav II. Adolf von Schweden in diesem Krieg diente zunächst dem Schutz der protestantischen Sache im Norden nach der Niederlage Dänemarks und der norddeutschen Herzogtümer, doch sein Traum war es, wie der dänische König vor ihm, ein mächtiges Nordreich zu errichten, das sich auch über Norddeutschland erstreckte. Erneut erlebten die Menschen in Mecklenburg die Invasion einer fremden Armee, und damit kam auch die Wiedereinsetzung der ehemaligen Herzöge Johann Friedrich I. von Schwerin und Johann Albrecht II. von Güstrow im Jahr 1631 durch die guten Dienste ihres Vetters, des Königs von Schweden. Kollaborateure von Wallenstein, ob freiwillig oder durch die Umstände gezwungen, wurden hart behandelt. Die ohnehin schon ausgeblutete Bevölkerung wurde mit noch höheren Steuern belastet. Der Krieg zwischen kaiserlich katholischen und gegnerischen protestantischen Kräften setzte sich auch auf dem Gebiet von Mecklenburg fort.

All diese Truppenbewegungen, die Scharmützel, die Vertreibung von Menschen und Konzentration von Flüchtlingen in Dörfern und Städten, brachte auch einen andern Feind zurück: Die Beulenpest. Sie erreichte Wittenburg in den Jahren 1629/30 and fügte dem Leiden der Bürger dieser kleinen Stadt und den angrenzenden Landgebieten noch mehr hinzu als sie schon hatten.

Es wird gesagt Wittenburg hätte die direkten Auswirkungen des Kriegs in den frühen dreissiger Jahre des 17. Jahrhunderts durch das Prestige der Herzogin Sophie recht gut überstanden, aber andere litten schrecklich unter den sich bekriegenden und außer Kontrolle geratenen Söldnern auf beiden Seiten, und dasselbe Schicksal sollte Wittenburg nur wenige Jahre nach dem Tod der Herzogin widerfahren. Zuerst geschah es nach dem heimlichen Prager Frieden von 1635 dem die Mecklenburger und die anderen kaiserlichen Länder angehörten, nicht aber Schweden das, – unterstützt von Frankreich, um das Ziel dessen Ministerpräsidenten Kardinal Richelieu zu erfüllen, die Macht der Habsburger einzuschränken – weiterhin eigene imperiale Phantasien verfolgte. Der schwedische Reichskanzler Axel Oxenstjerna machte den Herzögen unmissverständlich klar, dass sie sofort als Feinde betrachtet würden, und die schwedischen Truppen handelten entsprechend, als sie die ebenso plündernden und mörderischen kaiserlichen Truppen vor sich verfolgten, während diese nach Norden auf ihrem Rückzug aus Bayern marschierten. Schlie erzählt uns von dem schrecklichen Leid in Stadt und Region Wittenburg, als hier 1637 kaiserliche Truppen auf ihrem Rückzug von Bayern nach Wismar durchmarschierten, und nur ein Jahr später ein weiterer Durchmarsch voller Verwüstungen durch die verfolgenden Schweden stattfand. Doch das Schlimmste sollte noch kommen!

Der volle Schrecken des Krieges ergriff die Stadt Wittenburg am 2. und 3. Februar 1642 nach einem Befehl von Matthias Gallas, dem Befehlshaber der kaiserlichen Armee, an Hartmann Goldacker, Oberst eines Regiments von ‚Kroaten‘, die Stadt von schwedischen Truppen zu säubern. Der Begriff ‚Kroaten‘74 bezog sich damals auf leichte Kavallerieeinheiten, die überwiegend mit Söldnern aus den südöstlichen Grenzregionen des Reiches musterten. Laut Augenzeugenberichten: ‚Keine Türken oder Heiden können es ärger machen,‘ schrieb der Stadtvogt an den Herzog, ‚Bürger und Rats nackend ausgezogen, verwundet, jämmerlich zugerichtet. Unter den Schwangern und Säugern ist ein solch Schreien und Jammen gewesen, dass es einen Stein in der Erde hätte erbarmen mögen”. Frauen und Mädchen flohen in die Kirche, um den marodierenden Truppen zu entkommen, aber vergeblich.75 Aus der heutigen Perspektive erscheint es seltsam und fehl am Platz, dass der Stadtvogt von ‚Türken und Heiden‘ schrieb, um das Ausmaß des Gemetzels zu beschreiben, während es Christen waren, die andere Christen abschlachteten.

Die Orgie von Vergewaltigung, Plünderung, Brandschanzung und des Tötens setzte sich fort, bis die Aufmerksamkeit auf das nahegelegene Boizenburg gelenkt wurde, das die schwedische Garnison, vielleicht durch das was gerade in Wittenburg geschehen alarmiert, mit einer erbitterten und erfolgreiche Verteidigung beantwortete. Es war nur ein Pause. Gallas kehrte zwei Jahre später zurück und sprengte die Festung mit der gesamten schwedischen Garnison darin.

Der Krieg dauerte noch mehrere schreckliche Jahre weiter an, bis schließlich, – inzwischen alle Kriegsparteien erschöpft, 1648 der Westfälische Frieden unterzeichnet wurde. Über den Dreißigjährigen Krieg, die Todesopfer, seine Auswirkungen auf die Gesellschaft, das Regieren und mehr, wurde viel geschrieben, aber allgemein wird anerkannt, dass die Verluste in Norddeutschland besonders schwer waren. Die Plünderung der Städte Magdeburg und Neubrandenburg im Kurfürstentum Brandenburg im Jahr 1631, beide bedeutende Städte jener Zeit, sticht hervor, wobei das kleine Wittenburg und viele andere kaum eine Fußnote in diesem Schreckensrdrama ausmachen. Die Bevölkerung Wittenburgs hatte sich von einer bereits dezimierten Zahl von etwa 500 auf nur noch 100 traumatisierte Seelen reduziert. Wie viele Opfer davon direkt auf Feindseligkeiten und indirekt auf Krankheiten wie die wieder aufkommende Pest und eine Vielzahl anderer durch den Krieg begünstigter Faktoren wie Hungersnot und allgemeine Gesetzlosigkeit zurückzuführen waren, wird man wohl nie wissen, aber Wittenburgs Zahlen stimmen allgemein mit denen Mecklenburgs überein: Der Historiker Vitense schreibt im Kapitel über den Dreißigjährigen Krieg in seiner Geschichte Mecklenburgs, Seite 222, “Nicht einmal ein Viertel von den rund 300.000 Bewohnern, die Mecklenburg vor dem Krieg zählte, hatten die Leiden der Zeit überdauert.” Der schriftliche Kommentar des schwedischen Generals Banèr im Jahr 1638 an den schwedischen Reichskanzler fasste es folgendermaßen zusammen: ‚In Mecklenburg gibt es nichts als Sand und Luft, alles ist dem Boden gleichgemacht.‘76 All dies hatte tiefgreifende Auswirkungen auf die Überlebenden: Sie waren nicht nur traumatisiert, sondern die Gesellschaft wurde auch brutaler und neigte zu Aberglauben, glaubte an ‚Verschwörungstheorien‘, die wir sie heute vielleicht nennen würden. Hexenverfolgungen und -prozesse, die in Mecklenburg ohnehin häufiger waren als anderswo, verzeichneten einen Anstieg. Außerdem, wie Vitense feststellt, beraubte die völlige Zerstörung der Bauernhöfe viele Pächter ihres Wenigen. Sie mussten für sich und ihre Nachkommen wieder die Leibeigenschaft akzeptieren, um vom ebenfalls dezimierten aber immer noch wirtschaftlich mächtigen Grundherrn wenigstens ihre und ihrer Familien Lebensgrundbeduerfnisse bestreiten zu können. Dies war ein Rückschritt und führte zu einer weiteren Stärkung der Grundherren auf Kosten des regierenden Herzogs.

Das Gemetzel des Krieges im benachbarten Kurfürstentum Brandenburg, wo nach Berichten die Hälfte der Bevölkerung ums Leben kam, unterschied sich kaum von jener in Mecklenburg. Der englische Historiker Christoph Clark meint in seinem Buch „The Iron Kingdom“ über die Geschichte von Preußen, dass die Prüfungen und Zerstörungen, die Brandenburg während des Dreißigjährigen Krieges erlebte, einen tiefgreifenden Einfluss auf Kurfürst Friedrich Wilhelm hatten, und mit beitrugen, dass er als Kurfürst von Brandenburg den Ehrentitel „Der Große“ trägt. Die Erfahrung überzeugte ihn von der Notwendigkeit eines starken Staates und ebenso starken Verteidigungsfähigkeiten, um nie wieder Opfer anderer zu werden. Diese Phobien und die später damit einhergehende militärische Kultur übertrugen sich ebenfalls auf Brandenburg-Preußen und alles, was sie für die Zukunft beherbergten. Mecklenburg musste von nun an mit derselben Vorsicht auf Brandenburg-Preußen blicken, wie es seit Jahrhunderten auf Bedrohungen aus dem Norden geachtet hatte.

Das Unglück war für Wittenburg nach dem Friedensvertrag und dem Ende des Dreißigjährigen Krieges noch nicht vorbei, da Schwedens Ziel, die Ostsee zu einem ‚Schwedischen See‘ zu machen, noch gar nicht vorüber war. Die Bedingungen des Westfälischen Friedens wiesen einen großen Teil Norddeutschlands Schweden zu, doch das förderte nur die Fortsetzung des Krieges in dieser Region, diesmal bekannt als „Zweiter Nordischer Krieg“.77 Der regierende Herzog war gegenüber Schweden machtlos, eine große Zahl seiner jungen Männer in dessen Armee zu rekrutieren, und konnte auch nicht verhindern, dass kaiserliche und polnisch-litauische Truppen sowie die des Großen Kurfürsten von Brandenburg durch sein Reich marschierten, um die Schweden von der Küste zu vertreiben. Laut Vitense besetzte etwa ein Viertel der insgesamt 32.000 Mann, die diese verbündeten Armeen bildeten, im September 1658 Wittenburg und Hagenow. Der Große Kurfürst von Brandenburg kam selbst und machte Wittenburg für die zwei Tage seines Aufenthalts zu seinem Hauptquartier. Ihm folgten seine kaiserlichen Verbündeten sowie die polnischen Generäle Czarnecki und Opalinski.78 Diese Truppen mussten alle von einer bereits verarmten Bevölkerung der besetzten Städte und des Landes unterstützt werden. Was nicht freiwillig übergeben wurde, wurde geplündert, und alle frommen Verurteilungen solcher Taten durch Truppenführer blieben ungehört.

Die Lage für Wittenburg war noch schlimmer, denn die Besetzung folgte auf den Großen Brand vom 22. Oktober 1657, der einen Großteil der Stadt und den Kirchturm einäscherte, der erst 1907 – nach einer Wartezeit von 250 Jahren – wieder aufgebaut wurde.79 Dann kam 1659 die Pest zurück und zwanzig Jahre später ein weiterer großer Brand. Es ist berechtigt zu fragen, was wohl die Stadt nach diesen zahlreichen Katastrophen überleben ließ und warum sie nicht wie andere in jener Zeit, einfach aus der Geschichte verschwand – die Überlebenden in alle Himmelsrichtungen verstreut. Vielleicht lag es einfach daran, dass ihnen keine anderen Perspektiven zur Verfügung standen, sie mussten mit dem wenigen auskommen, was ihnen noch blieb.

Der Wiederaufbau verlief langsam und die Natur des neuen Herzogs, Christian Ludwig I., der 1658 das Herzogtum Mecklenburg-Schwerin erbte, war nicht hilfreich. Er wurde im Wesentlichen ein ‚abwesender Grundbesitzer‘, indem er ab 1658 für den Rest seines Lebens in Versailles am Hof des französischen Königs Ludwig XIV. lebte. Das Geld war knapp, aber offenbar reichte es, dass der Herzog in Ratzeburg ein prächtiges Schloss errichten laßen konnte, in dem er kaum residierte. Die Erholung von den vorangegangenen Katastrophen wurde wahrscheinlich auch durch den Beginn eines weiteren Krieges in der Umgebung behindert, dem „Schonenkrieg“80 von 1675 bis 1679, an dem die meisten Kriegsparteien der vorherigen Kriege beteiligt waren, und wodurch Mecklenburg und seine Bewohner schon wieder zu einem Land wurden, durch das fremde Armeen nahezu ungestraft marschieren konnten. Die Verbindung von Herzog Christian Ludwig zu Frankreich machte die Sache noch schlimmer. Was Wittenburg betrifft, so gab es 1679 einen weiteren großen Brand, der einen Großteil dessen zerstörte, was in den zwanzig Jahren nach dem vorherigen wieder aufgebaut worden war.

Es war jedoch nicht nur die strategische Lage an der Ostsee und die Nähe von Mächten, die um regionale Vorherrschaft kämpften, die Mecklenburg zu einem häufigen Kriegsschauplatz machten. Die letzten Jahre des 17. Jahrhunderts waren ebenfalls eine Zeit großer innerer Instabilität durch das Aussterben der Güstrow-Linie der Herzogsdynastie. Dies führte zu einem Thronfolgekampf, der beinahe in einen Bürgerkrieg mündete, und nur dadurch verhindert wurde, nachdem der regierende Herzog von Mecklenburg-Schwerin zustimmte, den König von Dänemark und Norwegen im aufkommenden „Großen Nordischen Krieg“81 zu unterstützen, im Gegenzug dafür, dass letzterer auf Erbansprüche auf Güstrow verzichtete. Diese Regelung schuf 1701 auch Mecklenburg-Strelitz, das Stammhaus der späteren Königin Charlotte, Königin des englischen Königs und Kurfürsten von Hannover, Georg III. Es war die endgültige Teilung des Herzogtums.

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Der Große Nordische Krieg

Die Kriegsparteien waren größtenteils dieselben wie im Schonenkrieg vor etwa dreißig Jahren, nun jedoch mit der Ergänzung eines selbstbewussten Russlands unter Zar Peter dem Großen. Es war ein Krieg, den Schweden schließlich verlor und dessen Ambitionen auf Hegemonie im Baltikum beendeten. Mecklenburg war erneut das unglückliche Opfer auf dessen Gebiet ausländische Armeen manchmal ihre Schlachten führten. Wittenburg kam Kriegshanndlungen gefährlich nahe, als eine verbündete Armee aus Sachsen und Dänen Ende Dezember 1712 in einer Schlacht auf den Feldern des nahegelegenen Gadebusch von den Schweden besiegt wurde. Dies war nur durch die kluge Ausnützung der Schwächen seiner Feinde durch den schwedischen Kommandanten Magnus Stenbock sowie durch den Mut seiner Truppen möglich. Es war Schwedens letzter Sieg und Hurra in diesem Krieg, und ein Jahr später wurde Stenbock von überwältigen alliierten Truppen, darunter die Truppen des Zaren, im heutigen Schleswig-Holstein besiegt, woraufhin sie wieder nach Mecklenburg zurückströmten und erneut geplündert wurde.82 Es ist nicht schwer vorstellbar, dass die ständigen Forderungen von Streitkräften sowie das Marodieren und Plündern undisziplinierter Soldaten, egal ob Freund oder Feind, wenig Raum für den Wiederaufbau ließen – und das galt auch für Wittenburg, das noch den Prüfungen der vergangenen Jahrzehnte hierbei noch in den Anfängen steckte.

Während Mecklenburgs Hauptbedrohung bisher hauptsächlich aus dem Norden – Dänemark und Schweden – kam, entwickelte sich im Süden und Osten eine neue: Preußen. Es begann mit einer Vereinbarung zwischen Herzog Friedrich Wilhelm von Mecklenburg-Schwerin und dem preußischen König Friedrich I., mit der sie sich gegenseitig Unterstützung zusprachen und zudem eine Vereinbarung von 1442 bekräftigten, dass Brandenburg-Preußen die mecklenburgische Thronfolge erben würde, falls dieses keinen männlichen Erben hätte. Der Herzog tat dies hauptsächlich, um seine Autorität und seine Position gegenüber den adeligen Großgrundbesitzern zu stärken.83, aber es bereitete auch den Rahmen für einen schleichenden Souveränitätsverlust und mehr Einmischung von Preußen. Friedrich Wilhelms Vetter, der Herzog von Mecklenburg-Strelitz, war nicht erfreut. Es sollte daher nicht überraschen, dass Preußen die beiden Herzogtümer zunehmend als ‚Anhängsel‘ betrachtete, und dies zeigte sich auf brutale Weise, wie Preußen beide Mecklenburgs als bequeme Reservoirs betrachtete, aus denen junge Männer gegen ihren Willen als Soldaten in die preußischen Armee zwangsrekrutiert wurden.

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Mecklenburg – in Schwierigkeiten mit dem Römisch-Deutschen Kaiser

All diese Kriege und Umwälzungen hatten einen Preis, der die noch immerwährende Belastung vom Dreißigjährigen Krieg her nur noch vergrößerte. Herzog Friedrich Wilhelm I. führte 1708 Sondersteuern für die Stände ein und versuchte es mit zahlreiche Reformen, darunter die Abschaffung der Leibeigenschaft.84 Alle unter den gegebenen Umständen vernünftig, aber sie wurden von den Ständen, also der zuvor besprochenen Vereinigung von Landadeligen, Prälaten und Städten, sehr missbilligt. Daraus entstand eine zunehmende Entfremdung zwischen den Ständen und dem Herzog. Er starb fünf Jahre später, und das Herzogtum befand sich in einem Zustand, der Weisheit und eine ruhige Hand vom Nachfolger erforderte. Die Thronbesteigung seines jüngeren Bruders Carl Leopold fügte leider einen weiteren Herrscher zu der ohnehin schon langen Liste vorheriger, die für dieses Amt ungeeignet waren.

Herzog Carl Leopolds streitsüchtige und narzisstische Natur, kombiniert mit rücksichtslosem Ehrgeiz, besiegelte schließlich nicht nur seinen eigene Untergang, sondern stürzte das lang leidende Herzogtum und sein Volk in weitere Kriege und Not. Als Praktikant des Absolutismus tat er alles, um seine eigenen Interessen zu verfolgen, auch wenn einige seiner Handlungen auf den ersten Blick als sehr liberale Politik für die damalige Zeit erscheinen. Dazu gehörte es auch, die Leibeigenen zu mobilisieren, indem er die früheren Versuche seiner Vorgänger fortsetzte, ihren Status von Leibeigenschaft in einen Pachtstatus zu verwandeln, doch er ging so vor, dass er schließlich auch deren anfängliche Begeisterung verlor und letztlich nur die Landadligen, die er verachtete, stärkte. Er schwankte von Krise zu Krise, sei es in der Politik mit endlosen Streitigkeiten mit seinem jüngeren Bruder Herzog Christian Ludwig, der das kleinere Herzogtum Mecklenburg-Strelitz regierte, oder in seinem Familienleben. Er durchlief drei erfolglose Ehen, die dritte mit einer Nichte von Zar Peter dem Großen, und erneut mit dem Ziel, seine Macht, seinen Reichtum und seinen Einfluss zu erhöhen. Ein Teil des Ehevertrags beinhaltete eine Vereinbarung mit dem Zaren, die es diesem erlaubte, 40.000 russische Soldaten im Herzogtum zu stationieren. Für Peter den Großen war dies eine willkommene Erweiterung der russischen Militärmacht nach Westen, aber aus Sicht des Herzogs ein kalkulierter Schritt, um seine Landadligen, die Ritterschaften, in Schach zu halten. Man kann sich vorstellen, welch eine Belastung die Versorgung dieser Truppen durch die Ressourcen und Arbeit einer kaum siebenmal so zahlreichen Bevölkerung war, und der Zar selbst war in dieser Hinsicht sehr fordernd, als er nach der Verheiratung seiner Nichte im damaligen Danzig (Gdanks) durch Mecklenburg reiste. Er hatte in Carl Leopold einen nützlichen Narren gefunden.85

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Die Reichsexekution gegen Mecklenburg

Carl Leopolds Launenhaftigkeit und offener Verrat erreichten schließlich ein Niveau, das den Kelch überlaufen ließ: Aus ihrem Exil baten sein Bruder und viele Adlige 1717 den Heiligen Römischen Kaiser Karl VI., eine ‚Reichsexekution‘ gegen den Herzog anzuordnen, also notfalls mit kaiserlichen Truppen einzugreifen. Der Kurfürst von Hannover und Braunschweig, der zugleich als Georg I. König von England war, wurde mit der Leitung betraut. Natürlich leistete Carl Leopold so viel Widerstand wie möglich – er hatte noch einen Teil der Bauernschaft auf seiner Seite sowie die kleineren Städte. Wir wissen nicht, ob Wittenburg dazu gehörte, aber es könnte sehr gut so sein – und da war auch noch die Frage der russischen Truppen. Das Auftauchen einer britischen Flotte in der Ostsee, verbunden mit anderem Druck, überzeugte hingegen Peter den Großen, Mecklenburg im selben Jahr zu räumen, jedoch nicht ohne dass seine Truppen noch weitere Verwüstungen anrichteten, insbesondere im östlicheren Teil von Strelitz, angeblich um Rache an Carl Leopolds Bruder zu nehmen, in der Tat jedoch an seinen Untertanen.86

Leider endete es auch hier nicht. Herzog Carl Leopold war noch nicht fertig mit Intrigen, Drohungen und der Ausübung von Rache und willkürlicher Gerichtsbarkeit, wo immer er es für richtig hielt. Sein letzter abwegiger Plan, Schweden, Russland und Frankreich zu einem Krieg gegen England zu bewegen, scheiterte durch den Tod des schwedischen Königs, eines seiner frühesten Unterstützers. Seine Karten waren alle ausgespielt, und nun hatte sogar der Zar genug. In seiner verzweifelten Lage versuchte Carl Leopold nun Frieden mit dem Kaiser zu schließen und beschlagnahmte Güter den Landadligen zurückzugeben, doch es war zu spät. Seine Glaubwürdigkeit war in Trümmern. Im Februar 1719 drangen hannoversche-braunschweigische Truppen durch Boizenburg in das Herzogtum ein und brachten dadurch umgehend die Erhebung des lukrativen Elbzolls unter kaiserliche Kontrolle, womit der Herzog eine bedeutende Einkommensquelle verlor. Die kaiserlichen Truppen waren jedoch etwas zu hochnäsig gegenüber „dem Gesindel“, das noch für Carl Leopold kämpfte und erlitten Anfang März 1719 bei Walsmühlen eine entscheidende Niederlage. Nur eine kleine Gruppe Überlebender schaffte es sich im nahegelegenen südwestlichen Wittenburg in Sicherheit zu bringen.87 Carl Leopold war trotzdem auf dem Rückzug, zunächst zu seiner Zufluchts- und Festungsstadt Dömitz, die er auf grausame Weise terrorisierte. Schließlich floh er nach Danzig (heute Gdanks) außerhalb des Reiches, aber selbst die russische Prinzessin, die er sechs Jahre zuvor mit großen Fanfaren geheiratet hatte, entschied, dass sie mit ihm fertig war, und kehrte mit ihrer einzigen Tochter nach Russland zurück.

Kaiserliche Truppen aus Hannover-Braunschweig waren inzwischen ebenfalls durch von Preußen entsandte Truppen verstärkt worden. Wie bereits erwähnt, hatte der König von Preußen ein großes Interesse daran, die Angelegenheiten in Mecklenburg nicht vollständig seinen hannoverschen Vettern zu überlassen, da sein Haus ja einen Thronfolgeanspruch auf Mecklenburg hatte, falls das herzogliche Haus in männlicher Linie aussterben sollte. Natürlich erfüllte auch die Erinnerung an einen noch früheren Anspruch, den Preußen aus dem Rechtsstreit nach dem Kauf der Grafschaft Schwerin-Wittenburg durch Carl Leopolds Vorfahren erbte, seinen Zweck. Dennoch waren keine dieser politischen Machenschaften für die Mecklenburger von unmittelbarer Bedeutung, unabhängig von ihrer sozialen Stellung und ob sie auf dem Land oder in den Städten lebten. Diese Armeen mussten versorgt werden, und da einige Truppen sogar ihre Familien mitnahmen, um sich langfristig niederzulassen, erhöhte dies nur die Belastung und damit auch den Unmut der lokalen Bevölkerung. Während die Reichsexekution und die kaiserlichen Truppen zunächst nur dazu dienten, Ordnung wiederherzustellen und das Reichsrecht aufrechtzuerhalten, führte Herzog Carl Leopolds anhaltende Unnachgiebigkeit und zunehmende Brutalität schließlich 1728 zum Erlass des Kaiserlichen Rates in Wien, ihn als regierenden Herzog von Mecklenburg-Schwerin zu suspendieren und durch seinen jüngeren Bruder Christian Ludwig von Mecklenburg-Strelitz zu ersetzen.

Hatte der abgesetzte Herzog deshalb aufgegeben? Natürlich nicht, er hatte weiterhin Unterstützer unter dem Klerus, den Stadtbürgern und unter den Bauern – genug, um von Danzig zurückzukehren, zunächst zur Burg Schwerin, später wieder zur Festung Dömitz, um von dort aus mehrere Jahre mit seinen verbliebenen Unterstützern viele weitere Gefechte mit seinem Bruder und kaiserlichen Truppen zu führen. Er versuchte, fast jeden Hof Europas, sogar den Papst, zu gewinnen, um ihm zu helfen, seine Herzogskrone zurückzugewinnen, und wie Vitense schreibt,,88 versuchte auch noch eine weitere Ehe, diesmal mit einer französischen Prinzessin, für die er den Diplomaten und Schriftsteller Christian Ludwig Liscow, Sohn des Pfarrers von Wittenburg, an den französischen Hof sandte, um Ludwig XV. dafür zu umwerben, aber auch für seine Sache. Die Mission war erfolglos, und der in Ungnade gefallene Herzog erstattete dem unglücklichen Liscow nicht einmal seine Auslagen, geschweige denn bezahlte ihn für seine Bemühungen. Carl Leopolds letzter Würfelwurf, 1741 zu versuchen, sich im österreichischen Erbfolgekrieg einen Vorteil zu verschaffen, scheiterte ebenfalls. Es war vorbei – er starb einige Jahre später als ein stark verminderter und verbitterter Mann. Vitense schreibt über diese Zeit: “Zum zweiten Male hatte, gerade 100 Jahre später als zuerst, eine Art dreissigjähriger Krieg, wenn auch ohne die damaligen Greuel und Verwüstungen, das Land Mecklenburg heimgesucht”.89 Zusätzlich zu den Prüfungen mit unsicheren Straßen, willkürlichen Entführungen und Morden müssen wir auch die zahlreichen verheerenden Stadtbrände in dieser Zeit erwähnen, darunter auch der von Wittenburg im Jahr 1726.

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Wittenburg und andere Ländereien als Sicherheitspfand, um die Kosten der Reichssexekutionstruppen zu decken.

Das Problem des neu eingesetzten Herzogs Christian Ludwig war, wie man die kaiserlichen Truppen bezahlen und unterhalten sollte und, was noch wichtiger und damit zusammenhängt, wie man sie dazu bringen könnte, Mecklenburg wieder zu verlassen. Nun, er hatte kein Geld für die Bezahlung und verpfändete deshalb einige Städte und Ländereien der Herzogtümer, darunter Wittenburg, Boizenburg, Bakendorf, Zarrentin, Rehna, Gadebusch, Grevesmühlen und das Dorf Mecklenburg 1735 als Sicherheit an seine Verbündeten von Hannover-Braunschweig. Vier weitere Orte wurden Preußen zugesprochen.90 Natürlich blieben die ehemaligen alliierten Truppen, bis genug Geld aufgebracht war, meist durch neue Kredite, um ihre Dienste in den schwierigen Dreißigern zu bezahlen. Es blieb dem Nachfolger von Herzog Christian Ludwig vorbehalten, die verpfändeten Ländereien schließlich zurückzugewinnen. Für Wittenburg und die sieben anderen Städte und Gebiete, die von Hannover-Braunschweig besetzt waren, fand das erst 1768 statt, und noch später, 1787, für die preußisch kontrollierten Gebiete Plau, Wredenhagen, Marnitz und Eldena. Der Grund für die verzögerte Rückgabe dieser vier Ländereien war nicht so sehr eine Frage des Geldes, da die Rückgabe wegen Gegenansprüchen weniger kostspielig war. Der eigentliche Grund war, dass der preußische König Friedrich II. der Große, der damit beschäftigt war, sein Königreich zu einer europäischen Macht aufzubauen, mit der man rechnen musste. Zudem war das Herzogtum Mecklenburg während des Siebenjährigen Krieges ohnehin ein Feind Preußens sodass er keine Dringlichkeit sah, sich auszugleichen und preußische Truppen aus den Gebieten Mecklenburgs zu entfernen. Die Rückgabe dieser preußisch kontrollierten Gebiete musste daher bis nach dem Tod Friedrichs des Großen zuwarten.

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Mecklenburg und der Siebenjährige Krieg

Dieser Krieg dauerte von 1756 bis 1763 und betraf alle großen europäischen Mächte und erstreckte sich auch nach Übersee. Dies führte dazu, dass große Landstriche den Besitzer wechselten, insbesondere in Nordamerika, und einige Mächte, darunter England und Preußen, daraus gestärkt hervorkamen. Mecklenburg, das endlich die Gefahr durch seinen ambitiösen und selbstbewussten Nachbarn Preußen erkannte, verbündete sich mit dessen Feinden, als die vorherrschende Haltung in den europäischen Hauptstädten noch die Meinung war, Preußen könne nach der unbegründeten Invasion Sachsens schnell durch eine Reichssexekution in seine Schranken gewiesen werden. Außerdem überschätzte das Herzogtum das Engagement seiner Verbündeten Schweden und Frankreich, ganz zu schweigen seine eigenen militärischen und finanziellen Fähigkeiten. Die schwedischen und französischen Armeen trafen sich nie, und nie würde von Mecklenburg aus eine konzentrierte Kampagne gegen Preußen entstehen. Das Herzogtum wurde auch nie ein großes Schlachtfeld, aber es litt genug unter schwedischen und besonders preußischen Einfällen und Besetzungen, der willkürlichen Beschlagnahmung von Ernten, Vieh, Pferden und anderem für den preußischen Kriegseinsatz nützlichem Material. Am schlimmsten waren Rekrutierer für die preußische Armee, die die Landschaft Mecklenburgs durchstreiften. Kein wehrfähiger Mann war vor ihnen sicher, und wehe denen, die sich diesen Banden von Entführern widersetzen wollten! Von der Kanzlei des Herzogs wird berichtet, dass sie sich bei derer des preußischen Königs über solche Missbräuche beschwert habe, doch sie erhielt nur höfliche Antworten, dass die Angelegenheit aufgegriffen worden sei. Vitense berichtet in seiner „Geschichte Mecklenburgs“ über das schlimmste Kriegsjahr 1761, in dem jeder Bezirk, jede Stadt und jedes Adelsgut verpflichtet wurde, mehrere vierpferdige Karren von Material und Lebensmitteln nach Rostock und anderen Zielen zu bringen. Es wurde natürlich befürchtet, schreibt er, dass dies auch ein Trick für preußische Rekrutierer gewesen sei, um noch mehr junge Männer für ihre Armee zu fangen. Folglich verbot der Herzog, dass diese Wagenzüge von jungen Leuten besetzt werden sollten, um es zu verhindern, ‘den preußischen Offizieren den in den mecklenburgischen Landen noch übrigen kleinen Vorrat an jungen, diensttauglichen Leuten nicht zu zeigen.” Infolgedessen begleiteten nur ältere verheiratete Männer die Züge, doch es war vergeblich: Kaum waren sie an ihrem Ziel angekommen, wurden sie buchstäblich entführt, mit Stricken zusammengebunden und zu preußischen Rekrutierungslagern getrieben.92

Dieser Krieg endete für Mecklenburg schließlich im Mai 1762, 4 1/2 Jahre nachdem es daran beteiligt gewesen war. Land, Städte und Dörfer waren erschöpft, und doch zeichnete sich bereits ein weiterer Krieg vor, der jedoch nur durch den Sturz des weit entfernten Zaren Peter III. von Russland vermieden wurde. Aufgrund seiner Abstammung beabsichtigte er, die Herzogtümer Schleswig und Holstein (das mittelalterliche Wagria) Dänemark zu entreißen. Dänische Truppen waren bereits in Mecklenburg eingedrungen und hatten ihr Lager in Gadebusch, nicht weit von Wittenburg, aufgeschlagen. Eine große russische Armee marschierte bereits westwärts von Pommern in Richtung Mecklenburg, als Kaiserin Katharina II. die Große, der Nachfolgerin ihres Ehemanns, diesen Kriegszielen ein Ende setzte. Die Menschen in Mecklenburg konnten wieder einmal aufatmen.

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Ablösung von Wittenburg und 7 weiteren Ländereien

Die Aufmerksamkeit richtete sich erneut auf die Rückgabe der verpfändeten Ländereien nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges, und 1766 wurde eine erste Rate von einer halben Million Reichsthaler für die acht Gebiete einschließlich Wittenburg geleistet. Die letzte Rate von einer Million Reichsthaler, die auch die angesammelten Zinsen beinhaltete, lag zwei Jahre später vor, und das Geld verließ Schwerin am 23. Juni 1768, um in Boizenburg ausbezahlt und gezählt zu werden. Hier haben wir einen Bericht, wie die Zahlung einer so enormen Geldsumme vor 250 Jahren erfolgte:

„Voran ein Rittmeister mit einem Husaren-Detachement, dann eine sechsspännige Karosse mit dem Oberhauptmann von Warnstedt, hierauf sechzehn vierspännige Wagen mit Tonnen, in denen das Geld verpackt war, von beiden Seiten von Husaren und Infanteristen begleitet, dann eine vierspännige Kalesche mit dem Zahlkomissar Schröder, und zuletzt wieder eine Husarenabteilung.” Sie kamen in Wittenburg am Ende des ersten Tages, an dem der Offizier der Infanterieabteilung mit der Bewachung des Transports in der Nacht beauftragt wurde.“ 93 Der Geldzug kam am folgenden Tag sicher in Boizenburg an, doch nun begannen die Vorbereitungen für das Zählen, Wiegen und Aussortieren der Gold- und Silberstücke, unter denen natürlich auch eine beträchtliche Anzahl gefälschter Stücke gefunden wurde. Diese anspruchsvolle Arbeit dauerte sechs Wochen, vom 9. Juli bis zum 12. August 1768, doch nach zeitgenössischen Berichten war es nicht nur Arbeit, denn die kleine Gruppe von nicht mehr als zehn Herren, die diese Aufgabe überwachte, speiste täglich am Tisch des Vertreters des Herzogs und konsumierte in dieser Zeit auch mehrere hundert Flaschen verschiedener Weine. Die acht an Hannover-Braunschweig verpfändeten Ländereien wurden am 19. schliesslich abgelöst und damit zogen endlich auch die Besatzungstruppen aus Wittenburg ab.

Wie viele Euros entsprechen heute einer Million Reichsthaler im Jahr 1768? Das ist schwer zu beurteilen, da weder die Deutsche Bundesbank noch das deutsche Statistikamt über die Daten verfügen, um umfassende Kaufkraftvergleiche zwischen Gegenwart und dem 18. Jahrhundert anzustellen. Es lassen sich jedoch einige Schlussfolgerungen ziehen, wenn man Löhne und Kosten bestimmter Waren zu dieser Zeit vergleicht: Im Jahr 1764 verdiente ein Zimmermann in Dresden, Sachsen, täglich sechs ‚Groschen‘ oder ein Sechstel eines Reichsthalers. 1 Pfund Hackfleisch – vermutlich nicht die übliche Ernährung gewöhnlicher Leute – entsprach ungefähr 1/12 eines Reichsthalers. 94 Das durchschnittliche Tageseinkommen eines Zimmermanns in Sachsen beträgt heute etwa 150 Euro. Wenn wir also annehmen, dass dies 1/6 eines Reichstalers im Jahr 1764 entspricht, müssen die 150 Euro mit sechs multipliziert werden, und ein Reichsthaler entspricht somit heute 900 Euro. Dasselbe gilt für das Pfund Hackfleisch: Der Durchschnittspreis beträgt heute 9,69 Euro, entsprach damals aber nur etwa 2 Groschen, also 1/12 eines Reichsthalers. Auf dieser Grundlage multiplizieren wir die 9,69 mit 12 um das Reichsthaler-Äquivalent zu erreichen, und kommen auf 116,28. Hält die Beziehung von 1764 zwischen den beiden Beträgen? 6 Groschen zu 2 Groschen oder 3 zu 1? Nein, das tut sie nicht: 900/116 gibt 7.76 und hat sich somit bemerkbar verändert. Das Problem ist, dass es im Wesentlichen eine Projektion dieses historischen Lohn- und Fleischpreises in die Gegenwart ist. Das Verhältnis sieht völlig anders aus, wenn die aktuellen Tageseinnahmen unseres imaginären Zimmermanns mit dem heutigen Preis für Hackfleisch verglichen werden: 150 Euro zu 9,69: 15,47:1. Das kann nur bedeuten, dass entweder der Reallohn deutlich gestiegen ist oder der Fleischpreis durch moderne landwirtschaftliche Methoden und Verarbeitung oder Importe günstiger geworden ist. Um dies mit einem weiteren Beispiel zu veranschaulichen: Gute Stiefel kosteten 1764 15 Reichsthaler, also das Sechzigfache (!) des Tageslohns unseres Zimmermanns. Stiefel, damals handgefertigt, waren zu jener Zeit ein Luxusartikel, heute aber aber nicht, weil durch Massenproduktion und weiter in Produktionsstätten mit niedrigeren Kosten hergestellt. Es zeigt, wie schwierig es ist, Kaufkraft über einen langen Zeitraum zu vergleichen, ganz zu schweigen von völlig unterschiedlichen Wirtschaftssystemen. Es würde eine sorgfältige Analyse eines repräsentativen ‚Warenkorbs‘ erfordern, falls dies überhaupt möglich wäre. Im besten Fall helfen diese groben Vergleiche, eine Vorstellung zu geben, aber selbst dann, ist die Kaufkraft eines Reichsthaler heute 900 oder 116 Euros, oder, wie andere95 spekulieren, 200 Euros? Ich würde eher den höheren Betrag wählen, da Löhne über lange Zeit weniger verzerrt sind als der Verkaufspreis für landwirtschaftliche Produkte und das aus bereits genannten Gründen. Natürlich lassen die oben genannten Vergleiche und Berechnungen den Wertzuwachs und die Inflation von Immobilienwerten vollständig aus. Das würde sogar die Zuweisung eines Wertes von 900 Millionen Euros für eine Million Reichsthaler viel zu bescheiden erscheinen lassen. Unabhängig vom heutigen Wert kostete die Rückgabe der 8 mecklenburgischen Ländereien, einschließlich Wittenburg, für 1,5 Millionen Reichsthaler die herzogliche Staatskasse ein Vermögen. So enorm diese Zahlung auch war, selbst sie wurde durch die von Mecklenburg getragenen Kosten des Siebenjährigen Krieges, die von Vitense auf etwa 16 Millionen Reichstaler geschätzt wurden, oder nach den oben genannten Vergleichsparametern viele Milliarden Euros beitem übertroffen, und das für ein Land, das schon so arm war und seit langem mit den Nachfolgen früherer Katastrophen zu kämpfen hatte,

Diese lange Phase schwacher zentraler Autorität, kombiniert mit inneren und äußeren Unruhen, stärkte die lokalen Potentaten, d.h. die Stände und Ritterschaften, trotz den Herausforderungen, die seine Vertreter in dieser Zeit ebenfalls bewältigen mussten. Dies waren nicht nur die physischen Herausforderungen durch Besatzung, Plünderung und Konfiskation, verursacht durch innere Konflikte oder Kriege, sondern auch durch die rasante Inflation, die darauf folgte. Viele Landgüter gingen in dieser Zeit bankrott. Das Schicksal war für die Stadtbewohner von Kleinstädten nicht leichter, denn auch ihr Wohlstand war an eine gesunde und produktive Landschaft um sie herum gebunden.

Die Reformen, die Herzog Carl Friedrich Anfang des Jahrhunderts einleitete, und von denen Herzog Carl Leopold einige, wie die Abschaffung der Leibeigenschaft weiter verfolgte, und nur um seinen eigenen, engen Interessen zu dienen, mussten weitere hundert Jahre warten, bis sie schließlich 1820 umgesetzt wurden. Mecklenburg schloss ging in sich und blieb im Vergleich zu den meisten anderen deutschen Landern rückständig und arm. Viele seiner Jugend verließen – oder flohen besser gesagt – in mehr versprechendere Orte wie Hamburg, Lübeck oder weiter östlich, um unter den bereits längst im Baltikum etablierten deutschen Bevölkerungen ihre Chance zu suchen. Unter ihnen könnte auch der erste dokumentierte Wittenburg Vorfahre des Autors gewesen sein, der 1772 in Tuckum, Herzogtum Kurland (heute Tukums, Lettland), heiratete, dessen Herkunft jedoch unbekannt ist. Für viele andere, insbesondere während der Massenauswanderung des 19. Jahrhundert, könnten Hamburg oder Bremen die Einschiffungshafen für ein neues Leben in Amerika gewesen sein, darunter bestimmt auch eine beträchtliche Anzahl mit dem Familiennamen Wittenburg.

Für Mecklenburg standen noch weitere Prüfungen bevor, und der Urheber dieser wurde auf, fast genau ein Jahr nach der Ablösung der mecklenburgischen Gebiete in Boizenburg auf einer Mittelmeerinsel geboren. Sein Name war Napoleone Buonaparte.

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Die Napoleonischen Kriege

Die frühen Phasen dieser Kriege, bevor General Bonaparte Kaiser der Franzosen wurde, berührten Mecklenburg nicht, doch danach begann der Schatten des sich schnell ausbreitenden Französischen Reiches immer bedrohlicher über ihm zu schweben und verschlang es schließlich vollständig. Obwohl die beiden Herzogtümer, Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz, wie so oft in der Geschichte, ihre Neutralität gegenüber dem Angreifer bekundeten, bestimmten nachfolgende Ereignisse die Politik.

Nach Napoleons entscheidendem Sieg über die vereinten Kräfte Österreichs und Russlands in der Schlacht bei Austerlitz im Dezember 1805 und Preußens einstige Neutralität in diesem gewaltigen Konflikt rasch abnehmend, waren Mecklenburgs Tage des relativen Friedens gezählt. Sein Schicksal war nach Napoleons entscheidendem Sieg über Preußen im Oktober 1806 bei Jena besiegelt. Die Erlaubnis der militärisch schwachen Herzogtümer ihre Gebiete von schwedischen und russischen Truppen zunächst zur Unterstützung Hannover-Braunschweigs und bei derem späteren Rückzug vor französischen Truppen überqueren zu lassen, machte sie zu Feinden.

Französische Truppen strömten im weiteren Verlauf des Jahres 1806 nach Mecklenburg ein. Es war der Beginn dessen, was Mecklenburger als ‚die Franzosenzeit‘ bezeichnen, eine Zeit extremer Härte, die sieben lange Jahre bis 1813 andauerte. Vor den Franzosen vorangetrieben waren die zurückweichenden schwedischen, russischen und preußischen Truppen, und da einige zufolge von Berichten auf dem Weg nach Schwerin und schließlich zur Küste durch Crivitz gekommen waren, kamen sie wahrscheinlich auch durch Wittenburg. Natürlich mussten auch diese Truppen untergebracht und versorgt werden, doch das war nur der Anfang der französischen Besatzung. Die Blockade der Häfen und die strengen Kontrollen, um jeglichen Handel mit England zu verhindern, brachten der Bevölkerung zusätzliche Schwierigkeiten, darunter Störungen des Handels und galoppierende Inflation für viele Güter und Lebensmittel einerseits und Preiseinbrüche für andere, da Exporte versiegten oder verboten wurden. Während der Frieden von Tilsit zwischen Frankreich und Preußen der Herzogsfamilie die Rückkehr aus dem Exil am 11. Juli 1807 ermöglichte, war es eher das, was wir heute als PR-Aktion bezeichnen würden, um vorzutäuschen, Souveränität zurückzugeben zu haben, aber es änderte nichts am Leid der Bevölkerung.96

Weniger als ein Jahr später wurden beide Herzogtümer Mecklenburg gezwungen, dem „Rheinbund“ beizutreten und wurden somit widerwillige Verbündete des französischen Kaiserreichs. Dies änderte die Dinge für die Menschen der beiden Herzogtümer keineswegs zum Besseren. Der Unterschied bestand nun darin, dass Beschwerden über Missbräuche durch französische Truppen zwar notiert, von den lokalen Behörden jedoch aus Angst, die Alliierten zu verärgern, ordnungsgemäß ignoriert wurden. Sollte es überraschen, dass all dies negative Auswirkungen auf das gesellschaftliche Gefüge hatten? Wie Vitense schreibt: „Die öffentliche Unsicherheit nahm in erschreckender Weise zu“. „Viel loses Gesindel, Räuber und Diebe die zudem noch mit dem Auswurf der französischen Soldateska gemeinsame Sache machten, benutzten die Zustände, durchstreiften des Nachts das Land, lagerten auf Wegen und Strassen und nahmen und stahlen, wo sie nur konnten.” Laut Boizenburger Beamten 1808: “Der Andrang der Bettler und Vagabunden nimmt derart überhand, dass die Landbewohner für ihr Eigentum und selbst für ihr Leben keine Sicherheit haben.“97 Eine weitere ernste Verpflichtung bestand darin, dass Mecklenburg als Mitglied der Konföderation ein Kontingent von mehreren tausend Mann für die ‚Grande Armée‘ zur Vorbereitung der Invasion Russlands bereitzustellen hatte. Nur wenige kehrten zurück, als der französische Marschall Davout 1813 mit Überresten der besiegten französischen Armee durch Mecklenburg zurückkehrte, und ein Bericht über ihre Qual wird 1835 von Dr. Heinrich Francke in „Mecklenburgs Not vor und während seines Befreiungskrieges“ im Kapitel „Der Russlandfeldzug“ aus Offizierstagebüchern erzählt.98

So sehr die ‚Grande Armée‘ mit mehr als 650.000 Mann und der Absicht Russland zu unterwerfen, zu dieser Zeit die größte je zusammengestellte Armee war, so war die daraus resultierende militärische Katastrophe, bei der weniger als ein Zehntel der geschlagenen Überlebenden zurückkehrte. Napoleons Aura der Unbesiegbarkeit war verschwunden, Zweifel in seinen eigenen Reihen ergriffen sich und bei den den Menschen unter französischer Herrschaft begann Hoffnung zu wachsen. Gegen Napoleon wurden Koalitionen gebildet, Freiwilligenkorps wurden aufgestellt, ebenso in Mecklenburg. Wittenburg wurde im Mai 1813 zum Versammlungsort der freiwilligen ‚Jäger‘ (leichte Infanterie), und die Stadt kam am 21. August desselben Jahres zum Einsatz, als Marschall Davout und seine Armee auf mecklenburgische Truppen zwischen Camin und Vellahn trafen und dabei auch kurzzeitig Wittenburg besetzten. Davout zog sich schließlich nach Hamburg zurück, wo seine Armee bis zum Ende des Krieges belagert und isoliert blieb. Unterdessen verfolgte die mecklenburgische Brigade unter dem Kommando des Erbfürsten Friedrich Ludwig zusammen mit preußischen und russischen Truppen die Franzosen über den Rhein und belagerte die Festung Jülich nahe der niederländischen Grenze bis zu Napoleons Abdankung als Kaiser der Franzosen.

Nach dem Pariser Frieden vom 30. Mai 1814 kehrte die Brigade triumphierend nach Mecklenburg zurück, und am 10. Juli desselben Jahres, war Wittenburg das Hauptquartier auf deren Weg nach Schwerin und schließlich Rostock. Die Tage waren voller Feierlichkeiten für die Sieger und die Rückkehr der Truppen, und die Stadt wurde nachts erleuchtet.99 Ein weiteres Jahr, neue Sorge, aber dann setzte die Schlacht von Waterloo Napoleons Herrschaft endgültig ein Ende, aber nicht sein Vermächtnis, uralte Gewissheiten und Konventionen überall aus den Fugen zu bringen, wo immer seine Armeen hinkamen.

Wie auch der zuvor zitierte Historiker Dr. H. Francke und die alte herrschende Elite den französischen Kaiser nur im Licht eines Usurpatoren und Tyrannen sahen, war er eben auch ein Katalysator für Veränderung, wie sogar etwa die Bildung der freiwilligen leichten Infanterie in Mecklenburg und andere, wenn auch noch zögerliche, Anerkennung des ‚Dritten Standes‘ als mehr als nur willfährige Untertanen. Was Herzog Friedrich Wilhelm I. hundert Jahre zuvor erstmals versuchte – sich mit der Leibeigenschaft und deren Abschaffung zu beschäftigen –, stand wieder auf der Tagesordnung, doch es dauerte dennoch bis 1820, dass die Leibeigenschaft in den beiden Herzogtümern endlich abgeschafft wurde. Eine weitere, direkte Folge der napoleonischen Verwaltung war die Annahme erblicher Nachnamen, die sich direkt an die jüdische Bevölkerung richtete, welche bisher keine hatte, und dies kam durch das Emanzipationsgesetz von 1813 zustande. Es gewährte Juden zudem die gleichen Rechte wie Christen, obwohl ihnen diese Rechte in diesem Fall vier Jahre später erneut entzogen wurden.100 Dennoch lag Veränderung in der Luft…

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Nach-napoleonische Fermentation

Obwohl, die Macht der Herzöge im Jahrhundert zuvor wie schon erwähnt, gegenüber den Ständen (Städte, Kirche und Ritterschaften) schon geschmälert wurde, machte dies die napoleonische Zwischenphase noch schlimmer. Die herzoglichen Regierungen erkannten, dass eine vollständige Rückkehr zur ‚alten Ordnung‘ nicht möglich war, und versuchten sich mit verschiedenen Reformen anzupassen, doch die Umsetzung war in den Städten leichter als auf dem Land. Die Besitzer großer Güter leisteten mit bemerkenswerten Ausnahmen so viel Widerstand gegen Veränderungen, wie sie konnten. Leider bedeutete Freiheit für Leibeigene aufgrund fehlender anderer Möglichkeiten oft buchstäblich ‚auf der Straße zu landen‘, denn es bedeutete auch, dass Landbesitzer dadurch entbunden wurden, sich zumindest ein Minimum um deren Wohlergehen zu kümmern. Folglich begannen Horden armer Tagelöhner auf den Straßen Mecklenburgs zu streifen.

Lassen wir hiezu den Historiker Otto Vitense in seinem epischen Werk ‚Geschichte Mecklenburgs‘ zum Wort kommen, und sein Bericht darüber beschreibt die Situation schon lange vor der Abschaffung der Leibeigenschaft: “’Hier waren die Bauern oft nichts anderes als Knechte, viele von ihnen befanden sich sogar in der Stellung von Sklaven.” (Seite 426). Was der Zustand derjenigen, die nun unterwegs waren, war jetzt auch ihr Status von ‚Heimatlosen‘ – ohne Wohnsitzrecht –, weil ihre frühere Existenz als Leibeigene an das Anwesen gebunden war, auf dem sie lebten. Viele landeten mit ihren Familien im Arbeitshaus für Landarbeiter. Die herzogliche Regierung erkannte das Problem und erließ neue Vorschriften zum Umgang mit Armut und Wohnsitzrecht, verursachte jedoch andere unvorhergesehene Komplikationen (Seite 428/29). Vitense schließt weiter, dass „die große wirtschaftliche Reform der Bauernbefreiung, die mit der Beseitigung der bäuerlichen Erbuntertänigkeit begonnen hatte nicht abgeschlossen war”. “Die Schaffung von freiem bäuerlichen Kleingrundbesitz, die das eigentliche Ziel der Bauernbefreiung sein musste, war von vornherein auf grosse Schwierigkeiten gestossen.” “Ganz abgesehen davon, dass die Ritterschaft eine solche Bauernsiedlung für ihr Gebiet ablehnte, so widersprach sie auch einer Durchführung im Domanium, (sic herzogliche Kronländereien)” (Seite 430). “Bald füllte sich das Landarbeitshaus in erschreckender Weise. Schon 1824 war die Zahl der Insassen derart groß, dass man viele von ihnen über den Ozean nach Brasilien entsandte (Seite 432). Es war nur die erste Welle von noch viel mehr Auswanderung in künftigen Jahren.

Die Reformen befassten sich auch mit den Anforderungen der fortschreitenden Industriellen Revolution, die zwar in den beiden Herzogtümern weniger als anderswo empfunden wurde, aber dennoch für ihre Städte von Bedeutung war. Sie umfasste die Gründung von Sparkassen, Versicherungsanbietern, Kreditsystemen und den ersten embryonalen Institutionen, die sich mit der Gesundheit und dem Wohlergehen der Gesamtbevölkerung beschäftigten. Dazu gehörten auch Reformen des Schulsystems, die Einrichtung von Berufsschulen, Prüfungsstandards und mehr. Leider zeigt ein weiteres Zitat aus Vitense, wie die Lage auf dem Land auch Mitte des 19. Jahrhunderts im Allgemeinen noch war: „In den meisten adligen Gütern sind die Schulen in dem betrübtesten Zustand und die Klagen der Prediger darüber allgemein.“ (Seite 441). Es gab zweifellos einen erheblichen Vorteil, in einer Stadt zu wohnen und das Recht auf Wohnsitz zu haben, selbst in einer kleinen Stadt wie Wittenburg, anstatt gezwungen zu sein, in Knechtschaft auf dem Land zu leben.

Da in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts so viel geschah und die Menschen auch besser geschult, anspruchsvoller und hellhöhriger für Ereignisse außerhalb ihrer unmittelbaren Umgebung waren, führte dies zwangsläufig zu weiteren Veränderungen und Umwälzungen. Es begann alles wieder in Frankreich, im Februar 1848 mit der Revolution, die König Louis-Philippe absetzte und Unruhen auch in anderen Teilen Europas ermutigte, einschließlich Mecklenburgs: Da war der Beginn von einem Arbeiteraufstand in Schwerin, und ähnliche Unruhen in Wismar und anderswo, einschließlich Wittenburg. Dort wurden sie jedoch sobald sie begannen von einer schnell gebildeten Bürgermiliz wieder unter Kontrolle gebracht. Dennoch war die Unzufriedenheit spürbar, ebenso wie das Vorhandensein revolutionärer Ideen. Das entging der herzoglichen Regierung nicht. Wenn vielleicht auch nur zum Selbsterhaltungszweck, weitere Reformen wurden in Ratssälen und Versammlungen geprüft und diskutiert. So auch der Versuch, monarchische Herrschaft und jene von den Ständen stärker in einen verfassungsmässigen Rahmen einzubinden. Dazu kam auch eine Reform der Verfassungen der Städte, um die Bürgerschaft zu befriedigen.101 Wie zu erwarten war, war es nicht leicht, sich gegen verbriefte Interessen durchzusetzen, und viele der erstmal eher radikalen Vorschläge, wie die Abschaffung der Privilegien des Adels, wurden entweder vollständig aufgegeben oder erheblich verwässert.

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Jahrzehnte der Massenauswanderung bis zum Ende des 19. Jahrhunderts

Zwar war Massenauswanderung im 19. Jahrhundert ein Phänomen, das in ganz Europa beobachtet wurde, aber nirgendwo war sie so bemerkenswert wie in Irland und Mecklenburg. In Irland wurde dies durch die Kartoffelfäule und die nachfolgende Hungersnot verursacht, in Mecklenburg durch die immer noch sehr feudalen Strukturen auf dem Land, kombiniert mit Reformen, die statt die Lage der Leibeigenen zu bessern, zu Massen entwurzelter Landarbeiter führten. Hinzu kam die späte und zögerliche Industrialisierung der Herzogtümer, die Alternativen für Menschen in dynamischeren deutschen Regionen bot, aber nicht in Mecklenburg., sowie gleichzeitig die zunehmende Mechanisierung der großen landwirtschaftlichen Güter und damit einen geringeren Bedarf an Landarbeitern. Dies erhöhte gleichzeitig die Schwierigkeit für heimatlose Taglöhner.

Selbst eine oberflächliche Internetsuche zur Auswanderung aus Mecklenburg bringt zahlreiche Seiten zutage, sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch, die Auskunft darüber geben, und die Zahlen sind erschütternd: ‚200.000 Männer, Frauen und Kinder wanderten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ins Ausland aus, davon 90 % nach Nordamerika.‘ Dies entsprach einem Drittel der Bevölkerung beider Herzogtümer, Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz.102 103 Die Regierung erkannte, dass sie eine gewisse Kontrolle ausüben musste, da die Auswanderung den Charakter eines Massenexodus annahm. Somit führte sie 1853 ein Erlaubnissystem für die Auswanderung ein, bei dem Emigranten bestimmte Kriterien erfüllen mussten, um einen Pass und die Erlaubnis zum Verlassen der Herzogtümer zu erhalten. Es sollte auch als Schutz gegen skrupellose und unehrliche Auswanderungsagenten dienen. In einigen Fällen gab es sogar Anreize von Feudalherren, in anderen wurde die Erlaubnis verweigert, um lokalen Mangel and Arbeitskräften zu verhindern.

Zweifellos könnte man auch den einen oder anderen Wittenburger finden, der sein Glück in der Neuen Welt versuchte, aber das war wohl eher aufgrund einer persönliche Entscheidung als aus reiner Armut und Aussichtslosigkeit, da diejenigen, die in einer Stadt wohnten, weniger wirtschaftlichen Anreiz hatten, sie zu verlassen und überdies nicht dazu gezwungen werden konnten wie diejenigen, die vom Land abhängig waren. Wie jeder Bericht über diese Auswanderungszeit belegt, mussten sich nicht nur die Auswanderer mit neuen und ungewohnten Umständen zurechtfinden. Es betraf auch die Zurückgebliebenen und traumatisierte sie auf eigene Weise.

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Industrialisierung, Preußen und der Norddeutsche Bund

Im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts wurde der Infrastruktur durch die Verbesserung der Straßennetze, die Einrichtung von Kanalsystemen für den Wassertransport und schließlich die Eisenbahn von Hamburg über Boizenburg nach Berlin im Jahr 1846 sowie weitere Eisenbahnverbindungen nach Hagenow, Schwerin und Wismar an der Ostsee Aufmerksamkeit geschenkt. Hagenow hatte die besseren Verbindungen, und das war ein wichtiger Grund, weshalb es die Rolle eines regionalen Zentrums übernahm. Wittenburg musste noch ein halbes Jahrhundert warten, bis es 1894 endlich eine Eisenbahnverbindung erhielt, die aber etwas mehr als ein Jahrhundert später, im Jahr 2000, für den Personenverkehr wieder außer Betrieb genommen wurde.104 Die kleine Stadt profitierte 1890 vom Umzug einer holländischen Windmühle von Schwerin nach Wittenburg, wodurch sie zu einem regionalen Zentrum für Getreideverarbeitung wurde und ihre Position als Zentrum des alten ‚Wittenburger Landes‘ verbesserte. Ein neues Amtsgerichtsgebäude wurde 1848 auf dem ehemaligen Burgareal erstellt, 1852 ein neues Rathaus, das den Namen der Stadt mit seiner weißen Farbe und dem burgähnlichen Erscheinungsbild widerspiegelt erbaut, und es ist auch heute noch ein Wahrzeichen. Wittenburg war wohlhabend, seine Bürger hatten meist eine konservative Einstellung, was gut zu einer kleinen Stadt im damaligen Mecklenburg passte.

Die Industrialisierung schritt in den Herzogtümern langsam voran, und wenn, fand sie hauptsächlich in den Hafenstädten statt, wobei das Landesinnere aus bereits oben beschriebenen Gründen hinterherhinkte. Andere Regionen des „Deutschen Bundes“, wie der lockere Zusammenschluss deutscher Staaten genannt wurde, der auf dem Wiener Kongress nach dem Sturz Napoleons gegründet wurde, erzielten viel schnellere Fortschritte mit der Industrialisierung ihrer Staaten, wobei Preußen in vorderster Linie stand.

Wie wir hier bereits gesehen haben, hatte Preußen die Herzogtümer Mecklenburg schon vor langer Zeit als natürliche Erweiterung seiner Ostseeküste begehrt, und die Rückständigkeit und Nähe der Herzogtümer brachten sie zunehmend unter den Einfluss Berlins. Der dänisch-preußische Konflikt, der 1848 um die Herzogtümer Schleswig und Holstein begann und schließlich im Preußisch-Dänischen Krieg von 1864 gipfelte, zeigte dies erneut mit ganzer Klarheit. Mecklenburg versuchtes sich herauszuhalten, konnte aber wie so oft zuvor nicht verhindern, dass Truppen sein Gebiet überquerten, diesmal preußische Truppen. Vitense berichtet, dass sie kurz vor Weihnachten 1863 auf ihrem Marsch nach Holstein durch Wittenburg, Gadebusch und Ratzeburg kamen. Preußen gewann diesen Krieg, und fast unmittelbar darauf folgte 1866 der ‚Deutsche Krieg‘, dessen Ergebnis das österreichische Kaiserreich endgültig aus seiner sich selbst zugesprochener Rolle als deutscher Hegemon verdrängte. Mecklenburg war zu dieser Zeit ein preußischer Verbündeter geworden.

Die Gründung des preußisch dominierten Norddeutschen Bundes und der Zollunion brachten die Herzogtümer noch näher in den Einflussbereich Preußens. So sehr, dass Mecklenburg beim Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges 1870 keine andere Wahl blieb, als sich mit eigenen Truppen anzuschließen. Sie nahmen an Kampagnen bis nach Orléans, Chartres und Rouen teil und kehrten im Juni 1871 zu einem turbulenten und freudigen Empfang in Schwerin zurück.105 Es war ein weiteres Zeichen dafür, wie weit der Souveränitätsverlust der Herzogtümer gegangen war. Das Französische Kaiserreich verlor diesen Krieg, doch nördlich des Rheins entstand 1871 ein neues Reich: Das Deutsche Reich, von dem beide Mecklenburgs ein Teil wurden, geleitet vom Eisernen Kanzler Bismarck.

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Das Deutsche Kaiserreich, Erster Weltkrieg und die Republik

Vitense widmete in seinem prägenden Buch über die Geschichte Mecklenburgs ein ganzes Kapitel über ‚Mecklenburg seit 1871‘, und es ist kein schmeichelhafter Bericht über die damalige Elite, insbesondere die ‚Ritterschaften‘ und die Union der Landstände.

Während Friedrich Franz II., Großherzog von Mecklenburg-Schwerin, erkannte, dass die um 1848 mühsam begonnenen Reformen fortgesetzt werden mussten und eine neue, reformierte Verfassung längst überfällig war, blockierte die Ritterschaft jede Initiative aus Angst, selbst einen kleinen Teil ihrer Privilegien zu verlieren. Die Lage wurde durch diejenigen nicht erleichtert, die radikale Reformen auf der anderen Seite forderten, und das führte erwartungsgemäß zu dem, was wir heute ‚Polarisierung‘ nennen. Im kleineren, benachbarten Mecklenburg-Strelitz war es nicht anders, das aufgrund seiner Geografie übrigens noch enger mit der Wirtschaft des größten und mächtigsten Staates des Reiches, Preußen, verbunden war. Andere Regionen des Deutschen Reiches, insbesondere westlich der Elbe, industrialisierten rasch und öffneten sich für den Handel, während Mecklenburg in vielerlei Hinsicht ein Hinterland blieb, für das größtenteils seine strukturelle Starrheit und Abneigung gegen Veränderungen verantwortlich waren.

All dies endete schließlich nach dem Ersten Weltkrieg, als die Revolution ausbrach, die ‚alte Ordnung‘ aufhörte zu existieren, und Großherzog Friedrich Franz III. von Mecklenburg-Schwerin, der zu jener Zeit auch den vorübergehend leeren Thron von Mecklenburg-Strelitz belegte – zusammen mit Kaiser Wilhelm II. und jedem anderen König oder Prinzen des Reiches – im November 1918 abdanken musste. Deutschland wurde eine Republik.

Obwohl Wittenburg weit von beiden Fronten entfernt war, waren die Verluste in diesem Krieg erheblich: 166 Tote und Vermisste in dieser kleinen Stadt mit damals etwa 3.000 Seelen, und über 200, wenn man die unmittelbar benachbarten Dörfer einbezieht! Jede Familie muss getrauert haben. Die Gedenktafel in der Bartholomäuskirche in Wittenburg listet alle ihre Namen auf, sowie diejenigen, die an den Napoleonischen Kriegen 1808–1815 und dem Französischen Krieg von 1870–71 teilnahmen und nicht zurückkehrten.106 Auch für die Daheimgebliebenen war das Leben während der Kriegsjahre nicht einfach. Wie anderswo machten sich feindliche Blockaden und interne Beschlagnahmung von Ressourcen für die Kriegsanstrengungen schmerzhaft für die Zivilbevölkerung bemerkbar und trugen ebenso zum Zusammenbruch der alten Gesellschaft bei.

Die Ankündigung des Kriegsendes, gefolgt von der Verwirrung und dem anfänglichen Chaos der Revolution, zeichnete laut Vitense ein Bild, das Ähnlichkeiten mit 1848 aufwies: ‚Überall ein Drängen nach neuem, der Zeit entsprechenden Verhältnissen, überall das Hervorkehren des Peröhnlichen gegenüber dem Allgemeinen, das Hasten des einzelnen nach eigenem Gewinn vor der Rücksicht auf das Wohl des Ganzen und statt der damaligen vielen ‘Reformvereine’ jetzt die noch zahlreicheren ‘Räte’.” 107 Mecklenburg wurde zeitweise von sogenannten „Arbeiter- und Soldatenräten“ regiert. Zu den weiteren Forderungen nach vollständigem Bruch mit der Vergangenheit gehörten auch die Vereinigung der beiden ehemaligen Herzogtümer zu einem Staat der neuen Republik, doch das war noch der Zukunft vorbehalten.

Der revolutionäre Eifer und das anfängliche Chaos wurden schließlich von einer lang ersehnten relativen Stabilität abgelöst. Die Fraktionen kämpften weiterhin gegeneinander, aber die Regierung funktionierte wenigstens, wenn auch unter neuer Führung. Bedeutende Reformen führten dazu, dass sowohl Männer als auch Frauen ihre Vertreter wählen konnten und damit eine Mitsprache in Staatsangelegenheiten hatten; alle Privilegien der alten ‚Stände‘ wurden abgeschafft. Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg Strelitz wurden zu zwei ‚Freistaaten‘, und es gab Hoffnung für die neue demokratische Ordnung.

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Die Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Es wurde viel darüber geschrieben, weshalb die Weimarer Republik scheiterte, und zweifellos wird dazu noch mehr folgen. Dies ist nicht der richtige Ort, um darauf einzugehen, außer zu sagen, dass die Erwartungen nicht erfüllt wurden. Das Trauma des verlorenen Krieges, der Verlust des relativen Komforts der ‚Welt von gestern‘, die Last der Kriegsreparationen gepaart mit internationalem Paria-Status, politische Unerfahrenheit gegenüber dem Neuen, erbitterte Kämpfe von Fraktionen an beiden Extremen des politischen Spektrums, sowie ernsthafte wirtschaftliche Probleme und Hyperinflation führten nacheinander zum Untergang der aufkeimenden demokratischen Ordnung. Da bereits 1922 ein Währungsmangel herrschte, gaben einige Städte, darunter auch Wittenburg, Notgeld in kleinen Beträgen heraus, um zumindest den lokalen Handel am Laufen zu halten. Es war nichts weiter als eine vorübergehende Maßnahme, da die Hyperinflation von 1923 die alte Währung wertlos machte und die anschließende Währungsreform sie mit einer neuen ersetzte.

Manche nennen die Jahre von dann bis zum Großen Crash von 1929 „die goldene Periode“, in der sich die Lage wieder messbar verbesserte, und es auch wieder Fröhlichkeit gab, aber sie brachte die ausgelöschten Lebensersparnisse einer ganzen Generation nicht zurück und hinterließ deshalb noch viel an Verbitterung. Dann kam die Weltwirtschaftskrise und das Vertrauen in die Republik schwand.

Die Kommunistische Partei auf der einen Seite und die Nationalsozialistische Partei auf der anderen begannen, den politischen Diskurs zunehmend zu dominieren, und mit damit verbundener Gewalt. Die beiden Mecklenburgs waren aufgrund ihrer wirtschaftlichen Struktur und Denkweise für die erstere nicht empfangbar und tendierten alsbald zur letzteren. Die NSDAP erreichte bei den Wahlen im Juni 1932 in Mecklenburg-Schwerin eine deutliche Mehrheit der Stimmen.108 Wittenburg wählte bereits im September 1931 einen NSDAP-Bürgermeister mit einem deutlichen Vorsprung zu seinen Gunsten. 109. Die Wahlen zum Stadtrat mit insgesamt 15 Sitzen brachten im November desselben Jahres 6 Mitglieder der NSDAP hervor, während die bürgerliche Seite auf 2 Sitze reduziert wurde, wobei die gesamte Linke weiterhin die gleiche Anzahl an Sitzen behielt, ebenfalls 6, wenn nun auch einen Kommunisten dabei. Dies steht im Gegensatz zu den Wahlen von 1930, bei denen die acht Vertreter der rechts-zentristischen bürgerlichen Koalition die Mehrheit bildeten.110

Es braucht nicht viel, sich vorzustellen, dass Hitler und die NSDAP nach ihrer Machtübernahme im Januar 1933 sehr schnell ihre Kontrolle über alle Lebensbereiche festigen konnten. Ja, die Armeen der Arbeitslosen verschwanden, die wirtschaftliche Lage verbesserte sich durch große Infrastrukturprojekte und Unterstützung der Industrie, die Menschen bekamen Hoffnung, ‚Ordnung‘ wurde wiederhergestellt, einige Reformen wurden durchgeführt – aber zu welchem noch unvorstellbaren Preis des noch kommenden Leidens?

Eine der Reformen war die Vereinigung der beiden Freistaaten Mecklenburg – Schwerin und Strelitz – zu einem einzigen, der von einem ‚Reichstatthalter‘ regiert wurde, der direkt Berlin unterstand. Da das öffentliche Leben gleichgeschaltet und auch das Privatleben schnell in Einklang gebracht wurde, wurden Minderheiten, die nicht in die nationalsozialistische Ideologie passten, insbesondere Juden, zunächst ausgegrenzt, dann verfolgt und schließlich ermordet. In Mecklenburg wurden mindestens ein Konzentrationslager und andere berüchtigte Transit- und Haftzentren eingerichtet.

Juden waren in Wittenburg nie zahlreich, aber das vermindert die Tragödie der Wenigen nicht. Juden kamen im Zug der Germanisierung nach Mecklenburg, aber wie überall, wurden sie kaum geduldet, und als nach dem schändlichen Sternberger ‘Hostienschänderprozess’ Prozess111 im Jahr 1492 siebenundzwanzig Juden auf dem Scheiterhaufen verbrannt und die noch übrigen mittellos aus Mecklenburg gejagt wurden, lebten dort für eine lange Zeit keine Juden mehr. Nur zögernd begannen sie sich etwa 200 Jahr später wieder in den Herzogtümern anzusiedeln. In Wittenburg geschah dies noch etwas später, 1760, als drei sogenannte ‘Schutzjuden’ ein Privileg für Wittenburg erhielten. In den dreißiger Jahren lebte nur noch eine dreiköpfige Familie in der Stadt, andere aus der kleinen Gemeinde, die Mitte des 19. Jahrhunderts nie mehr als fünfzig zählten, waren schon früher weggezogen. Das einzige männliche Mitglied, Max Lazarus, wurde nach der ‚Reichskristallnacht‘ verhaftet, angeblich zu seinem eigenen Schutz. Ein Jahr später starb seine in Wittenburg verbliebene Schwester durch eigene Hand. Demütigungen und Repressalien trieben sie zum Freitod. Max wurde freigelassen, aber das war nur vorübergehend. Sein Wechsel ins große Hamburg rettete ihn nicht. Schließlich wurde er erneut verhaftet, dann im August 1941 nach Minsk deportiert und dort ermordet.112 Ein weiteres Opfer war Anna Stiel, geboren in Wittenburg als Anna Jacobson. Sie wurde in Auschwitz ermordet. Alle werden in Wittenburg durch sogenannte ‚Stolpersteine‘ geehrt – Tafeln auf der Straße vor den Häusern, in denen sie einst lebten.113

Auch diese dunkle Zeit endete schließlich, aber nicht nach vielen weiteren Jahren desselben sowie den Schrecken des Zweiten Weltkriegs mit erneut Millionen von Toten und Verstümmelten. Wittenburg selbst erlebte den Krieg erst im April 1945 in begrenzter Weise. Es vielen einige Bomben auf die Stadt, Artilleriebarragen wurde verfeuert und es mutet in diesem Kontext fast pietätlos an zu sagen, dass es auch hierbei zu einigen Todesopfern kam. Die Region war voller Aufruhr und Verwirrung durch vorrückende amerikanische Truppen aus Westen und fliehende deutsche Truppen aus dem Osten. Diese hofften, die Demarkationslinie zwischen den westlichen Alliierten und den Sowjets zu überqueren, die ungefähr östlich von Wismar und Schwerin bis zur Elbe verlief, und sich den Amerikanern zu ergeben, bevor sie in die Hände der verfolgenden Einheiten der sowjetischen Armee fielen. Die US 82. Airborne Division übernahm Wittenburg Ende April 1945 und übergab wenige Wochen später das besetzte Gebiet an die britische Armee.114 Eine interessante Notiz findet sich auf einer Website eines damals 12-jährigen Jungen aus dem benachbarten Gadebusch. Er erinnert sich wohlwollend an den Aufenthalt der Amerikaner, die damals eher entspannte Atmosphäre, die mit den Briten wieder viel distanzierter und formeller wurde, ganz zu schweigen von der, nachdem das Gebiet unter sowjetische Kontrolle kam.115 Die sofortigen Auswirkungen der anschließenden sowjetischen Besatzung nach dem Rückzug der Westalliierten an die neu vereinbarte Grenze zwischen westlichen und sowjetischen Besatzungs- und Verwaltungszonen wird im deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag über Wittenburg beschrieben. “Mit ihr kamen Diebstähle, Vergewaltigungen und der Abtransport von Akademikern, Unternehmern und Grossbauern in das sowjetische Speziallager Nr. 9 Fünfeichen.”116

Der Krieg und die Schrecken der NS-Zeit waren schließlich vorbei, aber es folgten neue ideologische Spaltungen. Vielleicht ist das der Grund, warum im Internet kein Kriegsdenkmal gefunden werden kann, falls es überhaupt eines gibt, von jenen Wittenburgern, die einberufen wurden, keine andere Wahl hatten als zu gehen und irgendwo, weit von zu Hause im Zweiten Weltkrieg ihr Leben verloren.

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Nachkriegszeit und DDR (Deutsche Demokratische Republik)

Dem Krieg folgte eine Abrechnung, die Neuziehung der Grenzen, die Vertreibung von Millionen ethnischer Polen und Deutschen aus deren Heimat im Osten, das Nürnberger Gericht und andere durch eines von denen, einem amerikanischen Militärgericht, der ehemalige NS Reichstatthalter von Mecklenburg als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt und anschließend hingerichtet wurde. Das einst mächtige Preußen wurde durch Dekret der Sieger als Staat aufgelöst.

Die jetzt buchstäblich auf der Strasse lebenden Menschen mussten lernen sich mit dem Trauma auseinanderzusetzen, wie mit Engpässen für fast alles umzugehen, die Trümmer aufzuräumen und das langsam wieder aufzubauen, was einst Leben und Normalität bedeutete. Im Mai 1949 entstand westlich der endgültigen Demarkationslinie die Bundesrepublik Deutschland, im Oktober 1949 östlich dieser Linie die Deutsche Demokratische Republik. Mecklenburg und damit Wittenburg gehörten zur DDR. Die Bürger der Stadt taten, was alle anderen taten: Sie passten sich der neuen Realität an. In den ersten Nachkriegsjahren mussten sie auch mit einem erheblichen Zustrom von Vertriebenen aus ehemaligen deutschen Gebieten umgehen, und für eine zeitlang verdoppelte sich die Bevölkerung der Stadt fast. Es ist bemerkenswert, dass Wittenburg bald als Standort für die Verarbeitung verschiedener landwirtschaftlicher Produkte wieder bescheiden zu gedeihen began. Die Produktion von Kondensmilch und Marmelade spielte eine besonders wichtige Rolle, aber da waren auch die Fortsetzung der Getreideverarbeitung sowie etwas Neues mit agrochemischer Industrie. Darüber hinaus wurde die städtische Infrastruktur verbessert, neue Wohnhäuser, Wohnblocks und Schulen wurden in dieser Zeit gebaut, über die Siegfried Spantig als Autor des Jubiläumsbuchs ‚750 Jahre Stadt Wittenburg 1226–1976‘ verständlicherweise in euphorischer Art schreibt.117 Alles gut, aber es gab einen weiteren ‚Siegfried‘ und Mecklenburger, der das alltägliche Leben zu jener Zeit auch dokumentierte, allerdings durch Fotografie: Siegfried Wittenburg.118 Seine fotografische Bildsprache stellt die Kehrseite damals offizieller Beschönigungen mit schonungsloser Offenheit bloss.

Es muss für die Menschen in Wittenburg nicht leicht gewesen sein, so nah an einer anderen Welt zu leben, nur etwa 20 Kilometer westlich in der Luftlinie, heimlich im Fernsehen zu sehen, wie das Leben im anderen Deutschland aussieht, aber zu wissen, dass eine tödliche Grenze von Wachtürmen, bewaffneten Grenzwächtern, Stacheldraht und Minenfeldern zwischen ihnen und dieser Welt lag.

Veränderung war lange gewünscht, aber sie erforderte zunächst Veränderungen außerhalb Deutschlands, bevor sie stattfinden konnte, und das geschah unerwartet und ziemlich schnell in einem der Hegemonen, die aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgingen, der Sowjetunion. Dieser Wind des Wandels erreichte 1989 auch den Rest Osteuropas. Erste Erregungen in der DDR wurden spürbarer, auch in Wittenburg. Die Illusion und die offizielle Fassade konnten nicht mehr aufrechterhalten werden, Churchills treffend benannter „Eiserner Vorhang“, der ganz Europa und im besonderen Deutschland trennte, existierte nicht mehr. Die Tore öffneten sich endlich, und es muss ein aufregendes Erlebnis für jene Wittenburger gewesen sein, die auf der Autobahn das relativ nahegelegene Hamburg zum ersten Mal besuchen konnten, die Sehenswürdigkeiten sehen, einkaufen zu gehen und dabei glücklich zu sein. Es war der Zeitpunkt der berühmten ‚Wende’.

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Von der Wende zur Gegenwart

Ein weiteres Jahr, und die beiden deutschen Länder waren wieder vereint. Die DDR wurde in die geografisch größere und weitaus bevölkerungsreichere Bundesrepublik Deutschland eingegliedert. Neue Bundesländer wurden geschaffen, darunter Mecklenburg-Vorpommern.

Wie bei jeder Fusion wurden Fehler gemacht, von einigen zum Nachteil anderer genutzt, und die anfängliche Euphorie wich schließlich einer nüchterneren Einschätzung, was die Wiedervereinigung mit sich brachte und was sie noch erfordern würde. Es war nicht immer einfach.

Die Bürger von Wittenburg und ihre Stadtverwaltung erhoben sich erneut zur Aufgabe: Es gab die Autobahn, die während der DDR-Zeit als Verbindung zwischen großen Metropolregionen wenig nützlich war, da sie an ihrem westlichen Ende am Eisernen Vorhang endete und im Osten im tristen Ost-Berlin und dazwischen lag nicht viel. Nun hatte es Hamburg und dessen Hafen, den umsatzstärksten in Deutschland, im Westen, und nahe genug, um fast im Ballungsraum dieser großen Stadt zu liegen, und im Osten das gesamte blühende Berlin, das nun auch wieder zur neuen Hauptstadt des vereinten Deutschlands wurde.

Wittenburg nutzte seine Lage an dieser Hauptverkehrsader und schuf zudem ein geschäftsfreundliches Umfeld. Es dauerte nicht lange, bis sich die Bemühungen auszahlten: Dr. Oetker ist eines der großen Unternehmen, das die Stadt für geeignet hielt, dort eine Produktionsstätte für seine Tiefkühlprodukte zu errichten, andere aus der Lebensmittelverarbeitung, mit der Wittenburg ja bereits vertraut war, folgten, und ebenso Unternehmen in anderen Bereichen, und die Stadt schlug einen raschen Weg zum Wohlstand ein.119 Nicht jede unternehmerische Idee ist natürlich ein Erfolg, und so war es mit der ursprünglichen Idee des Indoor-Schneeparks mit ganzjährigen Ski- und Snowboardpisten, aber sie erholte sich mit neuen Investoren und einem neuen Konzept. Heute wir der Park als als Hamburg-Wittenburg Alpin-Center vermarktet, was Wittenburg fast den Eindruck eines Vorortes der Stadt Hamburg verleiht. Es scheint noch viel mehr geplant zu sein, um das touristische Potenzial Wittenburgs weiter zu entwickeln.120

Es ist nur natürlich, dass es auch viele gibt, die die schnellen Veränderungen beklagen, da ihre gewohnte Stadt in einem viel zu kurzen Zeitraum nicht mehr wie die ‚ihre‘ wirkt, und wenn man ein Luftbild von 1930 auf dem Wittenburg scheinbar noch in seinen mittelalterlichen Mauern eingeschlossen ist, mit einem solchen Foto von heute vergleicht, ist die Veränderung in der Tat dramatisch. Die Alternative von Stagnation und dann Niedergang kann jedoch nicht weniger dramatisch sein, wofür leider viele anderen Kleinstädte nur zu gut Zeuge stehen können.

Wittenburg hat wieder sein Selbstvertrauen und seinen wichtigen Platz gefunden, den es zur Zeit der Ernennung zu einer Stadt des Heiligen Römischen Reiches einnahm, und das ist ein guter Grund, sein achthundertjähriges Jubiläum zu feiern!121

In diesem letzten Absatz möchte ich meinen Dank und meine Schuld insbesondere gegenüber denen anerkennen, auf die ich in dieser historischen Zusammenstellung oft Bezug genommen und sie zitiert habe, und ohne deren Arbeit dies nicht möglich gewesen wäre: allen voran Otto Vitense, – ein Sohn Wittenburgs -, Dr. Schlie und Dr. Wigger, F.W. Lisch, Dr. H. Saring, S. Spantig und zahlreiche anderen, die über Mecklenburg und insbesondere Wittenburg geschrieben haben. Was wird wohl in den nächsten 800 Jahren über Wittenburg geschrieben, was im Jahr 2826?

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